Every Word Casts a Shadow

Umgestaltung des Jefferson-Zitats im Bibliotheksfoyer als Teil von Christian Philipp Müllers künstlerischer Arbeit “Branding the Campus”
Dauerhaft

Thomas Jefferson war vieles: Philosoph der Aufklärung, Präsident der USA, Universitätsgründer. Auch war er perspektivisch für die Abschaffung der Sklaverei, aber nur in der Theorie. Tatsächlich war er Besitzer von versklavten Menschen und in seinen Schriften lassen sich zahlreiche rassistische Bemerkungen finden, so dass Studierende der Leuphana Universität immer wieder fragten: Warum ausgerechnet Jefferson im Foyer der Leuphana Bibliothek? Was ist der Bezug zu Lüneburg? Warum sollten wir, zumal an einer Universität, deren Gebäude mehrheitlich aus der Zeit der nationalsozialistischen Aufrüstung Lüneburgs stammen, so eindeutig die Träume der Zukunft statt einer Auseinandersetzung mit der Geschichte bevorzugen? Wer kann und konnte sich überhaupt eine Zukunft erträumen?

 “Every Word Casts a shadow”, ein Zitat von Yvette Christiansë, überschattet wortwörtlich das Zitat von Thomas Jefferson “I like the dreams of the future better than the history of the past”. Der neue Satz ist zugleich eine Aktualisierung der künstlerischen Arbeit “Branding the Campus” (1996-98) von Christian Philipp Müller – eine Installation, zu der dieses Zitat ebenso gehört, wie die zahlreichen Drucke in der Bibliothek und im Foyer, die Vitrine, der „Prototpyen Shop“ im Eingang von Gebäude 7 und nicht zuletzt eine umfangreiche Publikation gleichen Namens. Christian Philipp Müller, Beatrice von Bismarck, Ulf Wuggenig, Diethelm Stoller, Astrid Wege und Studierende der damals noch so genannten Universität Lüneburg hatten für diese Installation in den Räumen der Bibliothek den von Thomas Jefferson entworfenen Campus der University of Virginia als Idealcampus in den Mittelpunkt ihrer Recherchen gestellt, um die unterschiedliche Lage von Bibliotheken auf Universitätsgeländen zu vergleichen. Der Bezug auf Jefferson ergab sich über die immer aktuelle Frage nach einer idealen Universität.

Die Modifikation basiert auf einem Seminar und dem Workshop „Beyond Jefferson’s Futures“ (2024). Yvette Christiansë, Dichterin und Professorin für Africana Studies am Barnard College, New York, und zu dieser Zeit Fellow am Leuphana Institute of Advanced Studies in Culture and Society, war Teilnehmerin des Workshops und äußerte im Gespräch diesen Satz: „Every word casts a shadow“ – ein Satz, der uns ideal erschien, um den Optimismus des Jefferson-Zitats zu problematisieren. Yvette Christiansë erforscht seit über dreißig Jahren die Geschichten versklavter Menschen, hat hierfür weltweit Archive konsultiert und zahlreiche Werke über Versklavung verfasst, unter anderem den Gedichtband Imprendehora (1999), die poetische Erzählung Castaway (1999) oder den Roman Unconfessed (2006).

“Every word casts a shadow” verdeckt nicht nur teilweise die Aussage Jeffersons mit einer Typographie, die wiederum an Sport-Brandings erinnert und damit ein gebrochenes Echo auf die frühere Arbeit von Christian Philipp Müllers Arbeit „Branding the Campus“ ist. Der Satz bringt vor allem die Geste prominenter Zitate ins Wanken und nimmt Abstand von jeder Form von Wortgläubigkeit – geäußert von einer Schriftstellerin und Wissenschaftlerin, die mit ihrer Arbeit dafür einsteht, übersehene und verdrängte Geschichten in jede Zukunft einzuschreiben.

Text: Susanne Leeb. Seminar- und Workshopteilnehmer*innen: Anna Blecker, Charlotte Dansberg, Finia Dorenberg, Rasmus Gaida, Stina Fisahn, Philine Held, Linda Heydebreck, Frieder Janz, Kenneth Lühmann, Julia Knapmeyer, Anna C. Mulder, Lilli Ritter, Vanessa Spors, Katja Stafenk, Mika Steffan, Emil Weber, Annika Weiß. Gastvortragende: Verena Adamik, Yvette Christiansë, Sarah Kreiseler, Jenna Owens, Hannah Spahn, Ruth Stamm. In Zusammenarbeit mit Christian Philipp Müller und Stefan Sylvestri (Typographie).