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Tribunalismus. Kunst als Prozess

Tagung und Ausstellung vom 7. Oktober – 21. November 2021
Öffnungszeiten: Jeden Dienstag und Mittwoch von 10:00 bis 16:00 Uhr sowie nach vorheriger Absprache mit Clemens Krümmel (kruemmel@leuphana.de).
Für den Besuch der Ausstellung ist der Nachweis eines der 3 Gs (genesen, getestet, geimpft) erforderlich.

Ort: Kunstraum, Campus Halle 25

Die Tagung „Tribunalismus. Kunst als Prozess“ versammelt Künstler*innen, Rechtstheoretiker*innen, Theater-und Kunstwissenschaftler*innen und Aktivist*innen, um zu diskutieren, welche Freiräume künstlerische Tribunale eröffnen, was zur Sprache gebracht werden kann, was andernorts und auf andere Weise nicht gesagt werden kann, wie sich die Anrufung einer juridischen Form zur Rechtsskepsis oder Rechtskritik verhält, wie die Urteilslosigkeit der Tribunale sich sowohl zu anderen Protestformen als auch zu möglichen Folgen verhält, und nicht zuletzt, welche neuen Rechtssubjekte imaginiert und inszeniert werden.

Programm

Donnerstag, 7. Oktober 2021

10:00
Führung durch die Ausstellung "Tribunalismus. Kunst als Prozess" Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg
(Einige Künstler*innen werden anwesend sein)

11:00
Susanne Leeb, Clemens Krümmel: Einführung

11:30
Rhada d’Souza: What’s Wrong with Rights? And Why We Cannot Let Go of It

12:30 Mittagspause

13:30
Sylvia Sasse: The Theater of Artistic Tribunals (via Zoom)

15:00
Abderrahmane Sissako: Bamako

17:00
Daniel Loick: On Popular Justice

19:00
Tyler Coburn, „Richard Roe“ – A Reading

Freitag, 8. Oktober 2021

10:00
Zuleikha Chaudhari: Landscape as Evidence. Artist as Witness

11:30
Sven Lütticken: New Juridical Subjects

12:30
Alice Creischer: A Reading

13:00 Mittagspause

14:30
René Talbot: The Foucault Tribunal as a Political Didactic Play

16.00
Peter Spillmann: Viet Nam Discourse Stockholm. Crossing the Russell-Tribunal

17:30
Schlussdiskussion

Ausstellung „Tribunalismus – Kunst als Prozess“
Die gleichnamige Ausstellung versammelt filmkünstlerische Arbeiten, Tribunal-Dokumentationen und künstlerische Arbeiten, die Tribunale durchkreuzen – sowie eine von Mirjam Thomann gestaltete Raumintervention, die für die Ausstellung entstanden ist und sie installativ als Verhandlungsraum rahmt.

Im Theater, im Kino, in der Literatur, vor allem aber im Bereich der Performancekunst wurde in den letzten Jahrzehnten das historische Format des politischen Tribunals zu einer immer einflussreicheren künstlerischen Kommunikationsstruktur über gesellschaftliche Konflikte. In inszenierten oder live aufgezeichneten (Wieder-)Aufführungen rechtlicher und sozialer Verständigungen, die sich bis zur Identifikation in gesellschaftliche Wahrheitsfindungs- und Versöhnungsprozesse hineinversetzen können, bilden sich im Künstlerischen völlig neue performativ sprechende und zuhörende Rechtssubjekte heraus, es entstehen neuartige Sichtbarkeiten und Sprecher*innenpositionen. Das sich potentiell ausdifferenzierende Spektrum subjektiver Wahrnehmungen und Beurteilungen artikuliert in seiner öffentlichen Aufführung zuvor nicht miteinander konfrontierbare Haltungen und Standpunkte, grenzt an Erscheinungsformen des Protests und der Aufklärung. Im Wechselspiel von Anklage und Bekenntnis, im Erscheinen des Geheimen und bis dahin Ungehörten, in der verunsichernden Erfahrung der Veränderlichkeit vormals fester Positionen begegnen Teilnehmenden und Betrachter*innen im „Tribunalismus“ der Kunst zentrale Eigenschaften des historischen Tribunals.

Das Russell-Tribunal gegen den Vietnam-Krieg wurde mit Peter Weiss’ Theaterstück „Viet Nam Diskurs“ und dessen Wanderungen zwischen Tribunal, Theater und Protest (aus dem und am Theater) in jüngerer Zeit zu einer wichtigen Referenz für künstlerische wie aktivistische Grenzerfahrungen zwischen Recht und Kunst. Filme wie „Das Weltgericht von Bamako” (Abderrahmane Sissako, 2006) oder „Landscape as evidence. Artist as witness“ (Zuleikha Chaudhari, 2017), das Aktionsbündnis „NSU-Komplex auflösen“ in Zusammenarbeit mit der Gruppe „Forensic Architecture“, Aufführungen wie „Die Moskauer Prozesse“ oder „Das Kongo-Tribunal“ (Milo Rau, 2013 bzw. 2015), das „Kapitalismustribunal“ (2016) – dies sind nur einige Tribunale, die im künstlerischen Bereich stattgefunden haben.

Gezeigte Werke: Zuleikha Chaudhari: „Landscape as evidence: Artist as witness“ (2017), Tyler Coburn: „Richard Roe“ (2019), Alice Creischer: „Proudhon, die Gesellschaft des 10. Dezember und der Club der faulen Debitoren" (2012), Irrenoffensive Berlin: „Foucault-Tribunal“ (1998), Rajkamal Kahlon: „Did you Kiss the Dead Body?“ (2012ff.), Helen Knowles: „The Trial of Superdebthunterbot“ (2016), Ronald Searle: Zeichnungen aus dem Eichmann-Prozess (1961), Abderrahmane Sissako: "Das Weltgericht von Bamako“ (2006), Peter Spillmann und Marion von Osten: „Viet Nam Diskurs“ (2016), sowie Feliks Topolski, Zeichnungen aus den Nürnberger Prozessen (1946)


  
  
  
  

© Fred Dott, Hamburg, 2021