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Der Ausbeutung auf der Spur
Studierende der Leuphana Universität arbeiten mit dem "Principio Potosí"-Archiv von Alice Creischer und Andreas Siekmann

Ausstellung und Leseraum vom 16. Januar – 13. Februar 2022

Öffnungszeiten: Dienstags 15:30 bis 19:00 Uhr, donnerstags und freitags 14:00 bis 17:00 Uhr

Finissage: Mittwoch, 13.04.2022 von 14:30 bis 18 Uhr

Für den Besuch der Ausstellung ist der Nachweis eines der 3Gs (genesen, getestet, geimpft, nur bei Studierenden) bzw. ein 2G+-Nachweis erforderlich

Ort: Kunstraum, Campus Halle 25

Mit Beiträgen von: Lilly Berlt, Helen Bortels, Clara Breyther, Simon Göbel, Mateo Hoyos Storjohann, Helena Hüppe, Sara Kanarski, Thea Kohrt, Tessa Reinhardt, Nell Scheffler, Lina-Marie Schulz, Katharina Tamm, Sophie Toups Christiane Worthmann, Adriana Zafiris

sowie mit künstlerischen Arbeiten von Sonia Abian, Christian von Borries, Harun Farocki, Maria Galindo / Mujeres Creando, Konstanze Schmitt / Territorio Doméstico und Mirjam Thomann

Im Kunstraum der Leuphana Universität wird das Archiv der 2010 von Alice Creischer, Max Jorge Hinderer und Andreas Siekmann kuratierten Ausstellung „Principio Potosí“ gezeigt. Es besteht aus 36 Heften, mit denen in der Ausstellung gearbeitet werden kann.

Studierende der Leuphana Universität haben im Rahmen eines Seminars bereits mit eigenen Bildern, Texten, Interviews und Filmen auf ausgesuchte Hefte des Archivs geantwortet. Sie haben einzelne Künstler*innen und Autor*innen aus den jeweiligen Broschüren kontaktiert und stellen deren Arbeiten aus.

Der Film "Das Silber und das Kreuz" (2010), der von Harun Farocki für die Ausstellung „Das Potosí Prinzip“ hergestellt wurde, führt in die Geschichte der Stadt Potosí ein.

Die Kurator*innen zum „Principio Potosí“-Archiv:
„Im Oktober 2010 fand im Berliner Haus der Kulturen der Welt die Ausstellung "Das Potosí Prinzip" statt. Sie war vorher im Museo Reina Sofia in Madrid zu sehen und ging danach zum Museo Nacional de Arte und zum MUSEF (Museo Nacional de Etnografia y Folklore) in La Paz, Bolivien. Ausgangspunkt des Projekts war die Potosí, eine Minenstadt in Bolivien, von der man sagt, sie sei im 16. Jahrhundert größer und prächtiger gewesen als London und Paris. Es hieß in einer zeitgenössischen Quelle, mit dem abgebauten Silber könne man eine Brücke über den Atlantik bis zum Hafen im spanischen Cádiz bauen. Der spanische König war allerdings dermaßen verschuldet, dass das Silber noch vor dem Hafen in Schiffe für die Börsen ganz Europas umgeladen werden musste. Das Silber bewirkte eine entscheidende Dynamik in der Entwicklung von Industrie, Bankenwesen, kolonialen Handelskompanien und ihren Kriegs- und Sklavenschiffen sowie auch in der Agrarindustrie. Der neue, unermessliche Reichtum bewirkte die Vertreibung, Verelendung und Verfügbarmachung von Personen als Arbeitskräfte –in Europa und in den Kolonien. Dies war der Beginn eines Prinzips, das schon seit jeher global agiert hat. Es ging in diesem Ausstellungsprojekt um die Vergegenwärtigung der Tatsache, dass die moderne europäische Gesellschaft und ihr Wirtschaftssystem nie ohne deren koloniale Bedingtheit und deren Verbrechen gedacht werden kann – und dass sich diese Bedingtheit bis jetzt und überall fortsetzt. – Mit der beschriebenen Dynamik wurde zugleich eine Produktion und Zirkulation von Bildern freigesetzt, die zunächst in die Kolonien verschifft wurden, um dann dort wieder eigene Bilder zu erzeugen. In der Ausstellung wurden einige dieser Werke als Zeugen dafür gezeigt, dass kulturelle Hegemonie keine symbolische Größe, sondern eine Gewalt ist. Heute tätige Künstler*innen wurden eingeladen, auf die barocken Bilder aus Potosí aus genau dieser Perspektive zu antworten. – Elf Jahre später ist ein Archiv zum Potosí-Projekt entstanden. Dieses Archiv besteht aus 36 Heften, die in vier Kapitel gegliedert sind. Die Hefte sind in Zusammenarbeit mit den Künstler*innen und Autor*innen des Potosí-Projekts entstanden. Sie thematisieren unter anderem Extraktivismus, Arbeit, Schulden, Inquisition, Maschinenkapitalismus und Dekolonisierungspraktiken. Das Archiv wurde im Mai 2021 im Haus der Kulturen der Welt ausgestellt.“
(Alice Creischer, Andreas Siekmann)

Für die jetzige Ausstellung des Archivs im Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg haben die Studierenden besonders den Aspekt der Ausbeutung und der Stigmatisierung von Frauen als wichtig erachtet. Andere für sie interessante Themenbereiche waren Digitalisierung und Landwirtschaft. Die Ausstellung soll dazu einladen, sich kritisch mit dem Prinzip der Ausbeutung auseinanderzusetzen und ihm in der Gegenwart in Lüneburg „auf die Spur“ zu kommen.

Lina-Marie Schulz und Sophie Toups haben sich mit der Künstlerin Sonia Abian (im Heft „The Useless Mouths“) auseinandergesetzt. Sie stellen ihre Arbeit "Glockenturm / Die unnützen Mäuler" aus und stellen, vom Heft ausgehend, einen Maulwurfshügel in Anlehnung an den Potosí-Berg aus.
Christiane Worthmann antwortet auf das Heft „1000 Dreams“ von Matthijs de Bruijne (2/19) und auf das Modell der Bauernsäule von Albrecht Dürer, das im Heft 1/1b thematisiert wird. Sie führte zwei Interviews mit Landwirten und ihren Familien, in denen diese über ihre Träume, gelebte Traditionen und ihre wirtschaftliche Realität berichten. Die Dürers Entwurf einer „Bauernsäule“ wird mit aktuellen Schlagzeilen des weltweiten ökonomischen Überlebenskampfes von Landwirten verknüpft.
Sara Kanarski, Katharina Tamm und Adriana Zafiris antworten auf das Heft „Debts“ (3/3a). Sie führen mit der Künstlerin Margarita Tsomou ein Gespräch zu Fragen in Bezug auf die documenta 14 und deren Zusammenhang mit der Finanzkrise Griechenlands. Desweiteren zeigen sie „Geldscheine als Schuldscheine“ und Abbildungen eines Graffito aus Athen (2017). Ergänzend dazu wird eine Statistik gezeigt, die die Ausbeutung Potosís durch den Silberabbau in ein Verhältnis mit den Schulden Lateinamerikas setzt (Heft 1/1d).
Simon Göbel antwortet auf das Heft „Looks Like“ von Christian von Borries (Heft 2 / 32) zu Künstlicher Intelligenz und Smart Cities mit Fragen an die Apple-Sprachsoftware Siri (Speech Interpretation and Recognition Interface), die als endlose Schriftzeilen an die Raumwände geschrieben stehen. Er zeigt außerdem Christian von Borries‘ Film "IPHONE China" (2012).
Thea Kohrt, Lilly Berlt, Nell Scheffler und Clara Breyther antworten auf Heft 1a, indem es um eine Theateraktion der Gruppe Territorio Doméstico geht, die diese zusammen mit Konstanze Schmitt und Stephan Dillemuth aufgeführt hat. Daran traten sie für die Rechte von Hausarbeiter*innen ein. Zentrales Objekt dieser Aktion war ein Triumphwagen. Gezeigt wird der Film „Triumph der Hausarbeiterinnen“ (Konstanze Schmitt, Territorio Doméstico und Stephan Dillemuth, 2010), Inhalte daraus wurden von ihnen in ihre Wandgestaltungen integriert. Hierbei lassen sie sich auch von einer Zeichenserie von Sonia Abian aus dem gleichen Heft inspirieren. In Form von Plakaten in Abians Stil nehmen sie sich des Themas der illegalen Hausarbeit an und versuchen Aspekte der damit verbundenen Ausbeutung zu visualisieren. Ergänzend dazu wird auch das Modell des Triumphwagens von Konstanze Schmitt gezeigt.
Tessa Reinhardt, Helen Bortels, Mateo Hoyos Storjohann und Helena Hüppe antworten auf das Heft „La Jaula Invisible“ von Maria Galindo (2/13). Sie setzen Galindos Rede bei ihrer Performance zur Entlarvung von „Human Rights“ als europäisches Wertemodell in eine Grafik um. Ergänzend dazu wird der Film „Ave Maria, llena eres rebeldía“ gezeigt, den Maria Galindo und die Gruppe Mujeres Creando 2010 in La Paz produziert haben.
Die Gruppe von Werken mit den Titeln „Window“ und „Frame“, die Mirjam Thoman 2021 für die vorangegangene Kunstraum-Ausstellung „Tribunalismus“ angefertigt hat, wird in diese Archiv-Ausstellung übernommen und weiter genutzt. Sie ist einem Zeugenstand nachempfunden, als Inspiration dienten Thomann die Grundmuster eines juridischen Raums. Für diese Arbeit wurde – um den visuellen Kontext auf eine weitere, ursprünglich draußen platzierte „Frame“-Skulptur herzustellen – außerdem ein Loch in die Außenwand der Kunstraums gesägt, dessen Material nun wiederum als Sockel für das Objekt dient.
In der zu einer früheren Raumgestaltung des Architekten Markus Miessen gehörenden grauen Wand ist inzwischen ein zweites Loch hinzugekommen, das an ein horizontal gedrehtes Dollarzeichen-Symbol erinnert. Die Münzkunde sagt, dass sich die beiden Striche des Dollarzeichens, die in dieser Ausstellung durch die Reste eines Fensterumrisses angedeutet sind, aus den Säulen des Herkules bildeten, die auf dem “Peso al ocho” als Spanisches Hoheitszeichen geprägt waren. Diese Münze wurde in Potosí hergestellt und war bis Mitte des 18. Jahrhunderts internationale Leitwährung. Die Säulen waren von einem Spruchband mit dem Motto: „Plus Ultra“ („Immer weiter“) begleitet. Das Spruchband wurde zum S des Dollarzeichens.

Der folgende Link verweist auf das pdf einer studentischen Ausstellungsbroschüre, in der die kritische Lektüre des Potosí-Archivs von Alice Creischer und Andreas Siekmann zusammengefasst sind: Ausstellungsguide "Principio Potosí"