Piper Chapter 2

From Paradise

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S.R.... Vielleicht kommen wir zur dritten Frage. In der können Sie wenn Sie wollen auch noch mal gerne auf Sol Le Witt oder andere Punkte Stellung nehmen. Die dritte Frage würde sich danach richten, welche Formen von Konzeptkunst seit den 90er Jahren und vor allem in der Gegenwart denkbar sind, die mit den alten Ansätzen arbeiten, oder inwieweit müssen diese alten Ansätze auf neue Zeiten, auf andere Zeiten, die Gegenwart, verändert werden?

A.P. [... ] Meiner Meinung nach gibt es einen großen Unterschied zwischen Konzeptkunst der 60er Jahre und neuerer Konzeptkunst, und das ist, dass wir nun politisch raffinierter sind. Und wir können uns meiner Meinung nach keine großen idealen utopischen Ideen vorstellen, ohne eine Kritik dabei zu haben, weil wir einfach mehr wissen, was los ist. Außerdem, soweit Medien betroffen sind, haben wir so groß eine Wahl wie vorher.

S.R. Das heißt, die Auswahl ist größer ... // A.P. Auswahl, Entschuldigung! // S.R. ... also die Auswahl, oder die Menge der Medien, die zur Verfügung stehen, ist größer... // A.P. ... genau, das habe ich gemeint.

S.R. Es gibt ja nun einige, man könnte sagen: konzeptuelle Strategien in der Gegenwart, die konzeptuell aussehen von ihrer Ästhetik her, oder von Ihrem Visuellen, die sich aber sehr wenig um philosophische oder sprachanalytische Medien-Selbstreflexivität kümmern. Diese Kunstformen sehen oft aus wie Konzeptkunst, haben aber vielleicht ihre kritischen Implikationen hinter sich gelassen. Und andererseits gibt es aber konzeptuelle Verfahrensweisen wie Ihre eigene, die sich ja auch verändert hat in den letzten zwanzig Jahren, dreißig Jahren... und andere Strategien, die sich z.B. mit Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Xenophobie beschäftigen, und dabei auch konzeptuelle Verfahrensweisen anwenden. Wie würden Sie die Bedingungen für diese Formen von kritischer Kunst gewandelt sehen?

A.P. Die Bedingungen für diese Art von Konzeptkunst sind ganz einfach, glaube ich, dass man einfach selbstkritisch sein sollte, dass man ein bisschen Selbstbewusstsein gewinnen sollte, um diese Art von Kunst zu machen. Sogleich man diese Art von Selbstbewusstsein hat, ist es dann möglich, eine Art von selbstreflektiver Kunst herzustellen ... zu produzieren.

S.R. Und wie schätzen Sie die Chancen ein in der Gegenwart für diese Kunst? Glauben Sie, dass diese Kunst eher am Abflauen ist, dass das Interesse dafür geringer wird, oder glauben Sie, dass die Wichtigkeit dieser Kunst so immens ist, dass man darüber nicht nachdenken sollte, ob gerade eine Konjunktur dafür oder dagegen herrscht? Es gibt ja so gewisse Konjunkturen in den Publikumsinteressen. Mal sind mehr konzeptuellere Strategien interessant, mal weniger interessant, und... Halten Sie es für wichtig, sich nach diesem Publikumsinteresse zu richten oder nicht danach zu richten?

A.P. Das Letzte. Ich glaube, man kann nur diejenige Kunst machen, die man machen muss. Und wenn man Kunst macht, um (sich) auf das Publikum einzurichten, dann gibt man dem Publikum, was es will, aber nicht immer, was es braucht. Und was es braucht, ist eine kritisch selbstbewusste Kunst, die das Publikum selber kritisiert. Und natürlich hat das Publikum so eine Art von Kunst nicht so gerne, aber trotzdem muss das gemacht werden.


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