Locher Chapter 4

From Paradise

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S.R.: Ich wollte Dich noch gerne fragen, was für Dich die wichtigsten Einflüsse für Deine eigene Praxis dargestellt haben, was Du im Kunstbereich eigentlich als Vorbild betrachten würdest.

T.L.: Heute oder damals?

S.R.: Lass es uns aus der heutigen Zeit machen.

T.L.: Aus der heutigen Sicht. Natürlich, mit zunehmendem Alter gibt es immer weniger Vorbilder, da verschwindet diese Meisterfolie ein bisschen und tritt stark in den Hintergrund. Aber ich muss sagen, als Derrida gestorben ist, das hat mich schon sehr bewegt. Es ist auch mit seinem Tod eine gewisse Epoche zu Ende gegangen; vielleicht ist das auch ein bisschen übertrieben, aber auch eine gewisse Epoche, die unsere Jugend auch geprägt hat. Das ist ein bisschen vorbei. So eine geistige Größe, mit so einer Strahlkraft, sehe ich im Augenblick nicht. Von diesen Monstern, speziell von den französischen Monstern, war er ja auch eigentlich fast der Letzte. Aus, fertig. Das hat mich schon sehr bewegt. Ansonsten gibt es immer mal wieder Dinge, die ich ganz toll finde, ob alt oder jung, das ist eigentlich vollkommen egal. Aber eine richtige Vorbildfunktion übt eigentlich überhaupt niemand mehr auf mich aus. Aber ich komme gelegentlich auch gerne zu meinen Ursprungseinflüssen zurück.

S.R.: Zum Beispiel?

T.L.: Also Lyotard lese ich immer wieder, muss ich sagen. Er ist auch jemand, von dem ich mich wirklich am stärksten habe beeinflussen lassen. Es gibt keine Masterriege; durch die Nähe zu Josef, der mich auch sehr stark protegiert hat und mir auch sehr stark geholfen hat, aber auch die Nähe zu Peter Weibel, mit dem ich immer noch ganz gut verbunden bin. Da ist immer ein gewisser Austausch vorhanden, aber nicht im Sinne von einer Vorbildlichkeit.

S.R.: Es gab in New York, ich weiß nicht, ob Du das gehört hast, nach dem Tod von Jacques Derrida eine Todesanzeige oder sozusagen eine Erklärung, dass er tot ist, und übersetzt hieß es glaube ich so etwas wie "...der verrückte, durchgeknallte Dekonstruktivist Jacques Derrida ist tot." Es gab ja dann nachher einen Aufschrei bei den Intellektuellen in den USA. Wie war die Schlagzeile ich habe es nicht mehr genau im Kopf.... ?

T.L.: Na ja, der Artikel war jetzt nicht gerade sehr seriös er war geradezu ranzig und hat quasi Derrida auch in seiner intellektuellen Leistung überhaupt nicht gewürdigt und auch nicht kritisiert. Das war eher eine dämliche Polemik, ich glaube in der New York Times. Peinlicher Missgriff.

S.R.: Da fühlt man sich ja auch, also mir persönlich ist es so gegangen, dass ich mich persönlich...

T.L.: ... an die Habermas'schen Polemiken der 80er Jahre erinnert...

S.R.: Ich fühlte mich auch so ein bisschen verletzt, weil Derrida war für mich so eine Figur, die eigentlich unangreifbar ist. Das war einer der Götter.

T.L.: Nicht unangreifbar, durchaus kritisierbar, aber von so hohem respektablem Wert, dass er, wenn schon eine Kritik, eine ordentliche Kritik verdient gehabt hätte. Ich fand es auch ziemlich blöd. Peinlich, blöd, dumm.

S.R.: Aber daran sieht man ja, dass es immer noch, in bestimmten Kreisen große Vorbehalte oder große Missachtung seiner Form des Denkens entgegengebracht wird. Es ist eigentlich ein Zeichen dafür, dass es immer noch revolutionär ist. Er würde dem natürlich widersprechen.'

T.L. Na ja, die Frage der Dekonstruktion ist mit seinem Tode ja nicht zu Ende gedacht. Andere müssen das übernehmen oder fortführen oder weiterdenken, aber ich bin ja auch kein Spezialist, was die amerikanischen Universitäten anbelangt. Aber das hat natürlich in Amerika schon zu so einer Umwandlung des Denkens innerhalb der Universitäten geführt, wie ja bei uns auch, und es hat natürlich auch andere Personen aufs Tableau gebracht. Unter dieser Konkurrenzsituation muss man vielleicht so eine Polemik eher verstehen. Und dann natürlich Frankreich. Frankreich ist halt im Augenblick auch wegen der amerikanischen Außenpolitik nicht gut gelitten. Da kann man schon einmal ganz ordentlich dagegen schrammen.



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