Locher Chapter 2

From Paradise

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S.R.: Wir können das ja grade mal ausprobieren mit dem Signieren. Dieser Katalog, »Wer sagt was und warum« scheint für mich eine der grundlegenden Fragestellungen der Repräsentationstheorie aufzugreifen. Sprache in Verbindung mit unterschiedlichsten Materialen und Orten, wenn ich es richtig verstehe, sind ja dein künstlerisches Material. Sprache in Verbindung mit verschiedenen Repräsentationsmedien und – orten, wie du sie präsentierst. Da kommt ja auch die Frage oder die Aussage in dem Buch vor: Sprache leistet eine Erkenntnisfunktion der Welt. Du gehst ja da wirklich in die Strukturen der Sprache rein in dieser Arbeit von 1992. Ich fände es schön, wenn Du den Katalog signieren würdest. Du hast grade so reagiert, »Signieren, ist das wichtig?».... Machst Du das gerne?

T.L.: Ich mache es. Ich mache es schon gerne. Es befriedigt ja auch meine Eitelkeit, hat allerdings was Spießiges; aber, klar, natürlich signiere ich gerne. ... Ich muss natürlich mit heute signieren. Hier? Links? Hier?

S.R.: Ich glaube noch schöner wäre hier, oder?

T.L.: Am Eingangssatz? Gekauft oder geschenkt?

S.R. Ich glaube, das ist geschenkt.

T.L.: Ok, dann kann ich schreiben 'Für Stefan', sonst wäre es peinlich. Schreibst du dich mit p oder mit f?

S.R.: Mit f.

T.L.: Gott sei dank! Was haben wir heute?

S.R.: Heute ist der 15. Dezember.

Thomas Locher signiert.

S.R.: Ja, vielen Dank!

T.L.: Ich bin ja kein großartiger Signierer. Ich muss eins sagen, Joseph ist z.B. ein geradezu literarisch begabter Signierer, wo man wirklich was lernen kann.

S.R.: Ich sehe das ein bisschen als Ritual an. Oftmals habe ich ja Leute getroffen, denen ich vorher nie begegnet bin, und wenn du dann drei, vier Bücher auspackst, dann ist das immer schon mal ein Zeichen, dass du dich damit beschäftigt hast ... dass du das auch sammelst und dass dir das wichtig ist. Da gibt es eben eine ganz unterschiedliche Haltung; manche Leute sagen: na gut, wenn sie es signiert haben wollen, dann signiere ich's, wenn's sein muss; aber viele z.B. Allan Sekula oder John Baldessari haben gesagt: natürlich mache ich das gerne; wenn ich das sehe, dass jemand meine Bücher liebt, dass ist das beste Feedback, das ich als Künstler bekommen kann, weil, wann hat man die Möglichkeit diese Form von demokratischer Distribution der eigenen Kunst – wann hat man da noch mal so ein Feedback. Ich möchte, wie gesagt, Wenn Du das nächste Mal in Köln bist .... würde ich gerne haben, dass Du auch noch die anderen Bücher signierst....

T.L.: Ich mach's natürlich, klar!

S.R. Denn mir ist aufgefallen, dass die alle nicht signiert sind. Was natürlich jetzt auf der Reise ein bisschen schade war ... konnte ich natürlich nicht die ganzen Publikationen mitnehmen, die ich schon hatte von den Leuten. Z.B. Ed Ruscha, da gibt es natürlich viel und ich habe viel von ihm aber das konnte ich natürlich nicht mitnehmen. Ich hatte dann aber von einem Freund in New York, der Ed Ruscha nicht kennt, der aber dieses berühmte Buch »Every Building on sunset strip« hat, zum Aufklappen...

T.L.: Wenn er ihn nicht kennt, kann er es ja gleich abgeben!

S.R.: Ja, das habe ich auch gesagt!

T.L.: Her damit!

(lachen)

S.R.: Und der sagt zu mir, was, du gehst zu Ed Ruscha? Kannst du das bitte signieren lassen. Und ich hatte das dann in so einem Schutzumschlag und habe es rausgeholt und er sagte dann: Oh, that's an old one, it's rare. Er hat sich dann schon noch mal so angeguckt, wie das so aussieht, in welchem Zustand es ist. Das war schon etwas besonderes.

T.L.: Das gab es noch bei unserem Freund König vor ungefähr 15 Jahren zu einem ganz normalen Preis zu kaufen, und ich glaube, das ist vorbei.

S.R.: Aber Ed Ruscha ist auch so ein Superstar, und das macht es nicht einfach, mit ihm zu sprechen, weil er natürlich auf eine Art so cool ist, dass du schwer einen persönlichen Zugang zu ihm findest. Er hatte an dem einen Tag einen Vortrag im Whitney gehalten, den hat er begonnen mit zwei Griffen von Schaltknüppeln, und zwar von seinem Ford und seinem Chevy, nein, Cadillac glaube ich, vom Anfang der 50er Jahre, das waren seine ersten Autos. Dann hat er die verglichen anhand des Schaltknüppels. Das waren so Macro-Aufnahmen, also so ganz nahe close-ups von den Schaltknüppeln. Was natürlich ein sehr strukturaler Blick ist, ein sehr 'close-up-Bild'. Das war ganz gut, um an ihn ran zu kommen, das hat geholfen.

T.L.: Quasi über den Umweg der libidinösen Beziehung: Auto, Frauen, Drogen, zum Beispiel.

(lachen)

T.L.: Also, ich meine, dann hat man gleich einen gemeinsamen Topos. Man könnte auch über Kunst reden, wo es doch so wichtige Dinge gibt. Aber klar. Das war jetzt nicht böse dem guten Ed gegenüber.

S.R.: Nein! Er versteht sich auch nicht als Theoretiker oder als super-reflektiert; er sagt ja: die wichtigste Inspirationsquelle für ihn war das Autofahren in Kalifornien, oder in drei Staaten. Das wäre ja z.B. jetzt so ein Anknüpfungspunkt: Was war für Dich die wichtigste Inspirationsquelle, Deine Kunst so zu entwickeln, wie sie jetzt dasteht, als eine sehr spezielle, spezifische Position innerhalb der zeitgenössischen Kunst. Was waren für Dich die wichtigsten Quellen? Wie bist Du dazu gekommen?

T.L: Es gibt tatsächlich unterschiedliche Quellen. Eine ganz wichtige Quelle war sicherlich die Begegnung mit konzeptueller Kunst, aber auch mit minimalistischer Kunst. Wenn du dir deutsche Museen anschaust, die waren in den 70er auch schon ganz gut bestückt mit, zumindest teilweise, minimalistischer Kunst. Da ich nicht so viele deutsche Museen kannte und vor allem in die Staatsgalerie gegangen bin, die haben z.B. einen Judd gehabt. Dann natürlich, ein ganz wichtiger Punkt war auch die Literatur und vor allem die konkrete Poesie. Ich war ja, bevor ich überhaupt Kunst studiert habe, war ich während meines Zivildienstes Gasthörer bei Max Bense.

S.R.: Oh!

T.L.: Nicht oh, es heißt ja nicht, dass ich das verstanden habe, was der gute Bense erzählt hat, aber es war zumindest interessant. Ich habe auch nicht alles geglaubt, aber es war insofern interessant als dort – und Bense war ja schon emeritiert zu der Zeit - zwischen 77 und 79 – aber es war zumindest interessant. So etwas hatte ich vorher noch nicht gehört, was dort besprochen wurde. Wie auch, ich komme ja auch aus der schwäbischen Provinz Aber die konkrete Poesie hat in Stuttgart und auch schon in Schulzeiten eine gewisse solide Grundlage gehabt; das war ein bekannter Topos. Und natürlich, was ab den frühen 80ern in Stuttgart passiert ist durch Leute wie Jean Pierre Dubost, der quasi die Theorie aus Frankreich ausgebreitet hat. Das war schon ein ganz wichtiges, auch durchaus heterogenes und gar nicht so zusammenhängendes Ding. Ich wusste noch lange nicht, in den Anfängen, was ich eigentlich vorhatte. Das hat sich eigentlich erst sehr spät ergeben, auch durch unmittelbare Begegnungen mit Künstlerkollegen. Wie z.B. Lawrence.

S.R.: Lawrence Weiner. Wann hast Du ihn das ersten Mal getroffen?

T.L.: 1984. Ihn treffen, ist ein bisschen übertrieben; wir sind halt auch dabei gewesen und haben das Maul nicht aufgekriegt, Rolf und ich. Er war in Stuttgart eine Woche anlässlich einer Ausstellung, die die Tanja gemacht hat zur Eröffnung der Staatsgalerie, die hieß »Idea«. Er war, abgesehen von den Lehrenden, die man hatte, von den Kommilitonen, die man hatte, von lokalen Künstlergrößen, die man kannte, so der erste, die internationale Figur, der man so ein bisschen näher gekommen ist, und das war einfach interessant auch zu hören, wie jemand redet – auch über Politik redet, über Kunst, über allgemeine Fragen des Lebens; ein ganz anderer Habitus, weder subjektivistisch noch aufgeregt, sondern einfach normal. Das fand ich schon sehr beeindruckend.



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