Haacke Chapter 6

From Paradise

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S.R.: Gut, dann möchte ich noch einmal auf die Konzeptkunst kommen, insofern als ich die Frage stellen möchte: Die Paradigmen, oder die Fragestellungen, die so wichtig waren für die Entstehung dieser, nennen wir das mal konzeptuellen Bewegung, so unscharf diese Definition auch sein mag. Diese Paradigmen – glauben Sie, dass die grundsätzlich noch funktionieren oder glauben Sie, dass ganz neue Ansätze gefunden werden müssen in der Gegenwart?

H.H.: Die so genannte konzeptuelle Kunst ist so vielfältig definiert worden. Und bei mir selber ist es auch so gewesen, dass ich mich davon einmal selber ausgeschlossen hatte und auch andere mich nicht unter diesem Label sehen wollten, und dann wieder eingemeindet worden bin oder mir das auch angenehm war. Es ist ähnlich wie mit diesem dummen Ausdruck Postmodernismus, in den man alles reinpacken kann, und deswegen weiß ich nicht, wovon wir reden, wenn wir von Paradigmen sprechen. Wenn das nun Text bedeuten sollte, oder nicht-abbildende Methoden, dann reden wir von einer bestimmten Periode, kunsthistorisch gesprochen, aber ich würde sagen, dass man die Kunstgeschichte durchforsten kann und sagen kann »das waren Konzeptkünstler, das waren Konzeptkünstler« und so weiter, vor vielleicht Tausenden von Jahren, weil ja doch, wie man so sagt, Botschaften über Bilder meistens transportiert worden sind, die sehr präzise waren zur Zeit, als sie dargestellt worden sind. Wenn wir heute in den Louvre gehen, ja dann ist das alles schöne Malerei, aber es waren ja im Zweifelsfalle sehr bestimmte und für die Zeitgenossen klar lesbare Texte. Also ich weiche aus... (lacht)

S.R.: Nein, würde ich nicht sagen. Also Dan Graham hat in seiner Antwort darauf sehr sehr ähnlich geantwortet. Er hat ein paar Namen genannt, auf japanische Maler verwiesen usw. anstatt jetzt auf den Louvre, aber er hat gesagt: eigentlich ist das Phänomen, ist kein Phänomen, wenn man jetzt historisch, überhistorisch argumentiert, dann ist es ein Phänomen, das man immer wieder findet, und es ist nicht auf die 60er beschränkt, nur weil da plötzlich Text auftaucht.

H.H.: Nur, um ein Beispiel in die Luft zu setzen: Caspar David Friedrich war ein politischer Maler und ein Konzeptkünstler! (lacht) Wenn man sich die Dinge genau ansieht, kann man die entschlüsseln und herausklauben, was er politisch meinte, und solche politischen Aussagen sind meines Erachtens auch unter dem Label »Konzept» zu verstehen.



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