Haacke Chapter 4

From Paradise

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S.R.: Was würden Sie als den stärksten Einfluss für Ihre künstlerische Arbeit betrachten?

H.H.: Ich hab immer Schwierigkeiten, wenn ich gefragt werde, was das Eine war, was zu all dem anderen beigetragen hat, oder wo ich zum ersten Mal was gemacht habe, was beispielhaft für das, was kommt, angesehen wird. Bei mir ist es immer so, dass eben sehr viele Dinge zusammen kommen, und ich zur Zeit, zu der ich einem solchen Beispiel ausgesetzt bin, noch gar nicht richtig begreife, welche Konsequenz das vielleicht haben könnte. Wenn ich z.B. 1959 bei der documenta Fotos gemacht habe vom Publikum und auch von den Museumsarbeitern, von den Putzfrauen, und dem Motorrad neben dem Henry Moore, dann hatte ich offenbar irgendwie ein Gefühl, dass da was dran ist, was nicht zum Schaufenster der Kunst gehört; das ist das, was hinter den Kulissen sich abspielt, dass es aber dazu gehört. Aber es hat dann noch eine Reihe von Jahren gegeben, in denen ich in meiner Arbeit darauf nicht wieder zurückgekommen bin, und erst Ende der 60er Jahre sind solche Sachen wieder von Bedeutung gewesen. Das heißt aber nicht, dass ich in der Zwischenzeit geschlafen habe. Ich habe mich um alle möglichen anderen Dinge gekümmert, die aber dann auch wiederum in meiner Arbeit der End-60er Jahre und weiter sich manifestiert haben. Es ist schwierig, das von einem zum anderen in einer geraden Linie das zu verfolgen.

S.R. Wenn ich jetzt noch mal etwas präziser nachfragen darf, etwas anders, aber etwas präziser: Würde es denn eine besondere Arbeit oder Praxis in der Geschichte der Kunst geben, die Sie als Student oder später besonders inspiriert hat, denn Sie haben ja, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, angefangen mit Arbeit mit Malerei, die in Richtung Op Art zu orientieren wäre, man könnte sie in diesen Rahmen fassen; und dann entstehen aber fast gleichzeitig Arbeiten, die sich mit theoretischen Begriffen quasi auseinandersetzen, wie der »Condensation Cube» Anfang der 60er Jahre und einige andere Arbeiten, die schon mit einem begrifflichen Instrumentarium arbeiten wie dem Realzeit-System, das ja zu diesem Zeitpunkt... es ist immer schwierig zu sagen: »Sie waren der Erste« oder »jemand ist der Erste« oder so etwas, aber es lässt sich diese Begrifflichkeit, diese Reflexionsebene lässt sich zu dieser Zeit in keiner anderen Kunst finden so. Und gerade die Systemtheorie wird ja für die Kunst in den späten 60er, 70er, 80er Jahren dann sehr wichtig. Also wie – retrospektiv – wie schätzen Sie das ein? Gab es da gewisse Punkte, die Sie beeinflusst haben, oder lässt sich das so gar nicht mehr fassen?

H.H.: Das ist schwierig im Nachhinein dingfest zu machen. Aber vielleicht ist es möglich, auf ein paar Sachen hinzuweisen. Ich glaube, dass mein Interesse, den Besucher oder den Betrachter, genauer gesagt, den Betrachter in die Arbeit einzubeziehen – und das ist ja bei optischen Phänomenen der Fall – vor den Kondensationskästen schon von Bedeutung war, d.h. der Kontext, und in diesem Falle auch der menschliche und gesellschaftliche Kontext, um ein bisschen höher zugehen, in dem Kunst betrachtet wird, der wurde einbezogen – um diese Vokabel zu benutzen, die mir ein bisschen unangenehm ist, weil sie etwas hochgestochen ist – wären auch diese optischen Arbeiten Realzeitsysteme; das spielt sich wirklich im Moment des Betrachtens zwischen dem Auge und dem Bild ab. Und ohne die optische Funktion des Auges – es geht da gar nicht um Inhalt – ohne das optische Funktionieren des Auges ist da nichts. Und man kann das auch nicht beschreiben. Und dann über die reflektierenden Objekte, in denen die Umgebung, und damit auch der Betrachter mit einbezogen werden. Und beim Kondensationskasten ist es ja so, dass die Umgebung mitbestimmt, was man zu sehen bekommt; es ist nicht mehr der Betrachter selber, sondern die physische Umgebung. Das kann man so im Nachhinein so ein bisschen aufschlüsseln und vielleicht irgendwelche Ansprüche stellen, dass dies zu jenem geführt hat. Und wenn man in so einem Prozess drin ist, also als der Macher, dann sind einem manche Sachen klar, andere werden erst im Nachhinein klar. Meine Benutzung dieser Vokabel »Realzeitsystem», die stammt aus meinen Gesprächen mit Jack Burnham, der an solchen Sachen interessiert war und von dem ich dann eigentlich erfahren habe, dass das, was mich damals interessierte, im Grunde in diesem Bereich sich abspielte. Das heißt es ist ein Vokabular und es sind Konzepte, die das beschreiben, womit ich mich schon seit ein paar Jahren abgegeben habe.


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