EXPORT Chapter 3

From Paradise

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S.R. Es gibt jetzt noch eine etwas persönlichere Frage bezogen auf die Praxis. Und zwar: Wie würde deine ideale typische tägliche Arbeit als Künstlerin aussehen? Gibt es das überhaupt?

EXPORT: Also wie würde die tägliche Arbeit als Künstlerin aussehen?

S.R. Wie würdest du dir die ideale vorstellen?

EXPORT: Die ideale Vorstellung, oder was ja? Na ja, da gibt es ja verschiedene Vorstellungen. Da gibt es die Vorstellung des Traumes, der Fantasie –  oder dann die ideale Vorstellung, ja. Also das ist ja, das sind für mich ganz unterschiedliche Dinge. Weil, eine ideale Vorstellung in dem Sinne habe ich nicht, weil eben, wie schon vorher gesagt, jedes Kunstwerk oder jede künstlerische Arbeit anders ist. Und dadurch ergibt sich immer ganz eine andere Art und Weise zu arbeiten oder etwas zu machen. Da kann man sagen, ja die – eine ideale Vorstellung ist ich kann in der Früh aufstehen und sofort arbeiten, bis spät nachts. Und ich lebe quer durch Zeit und Raum. Was ich auch Jahre lang gemacht hab, ja. Also ich hab im Badezimmer die Dunkelkammer und im anderen Raum kann ich an Skulpturen oder Objekten arbeiten. Und so habe ich mir selbst Räume geschaffen, die ich immer wieder aufsuchen kann, quer durch Zeit und Raum. Dann ist es egal oder was. Aber das sind ja – diese Vorstellung ist natürlich auch mit Träumen verbunden, weil sich das auch nicht so sehr im normalen Leben organisieren lässt. Aber die richtige Vorstellung wäre, wenn ich, was ich auch versuche und sicherlich auch gemacht habe, mein privates Leben oder mein persönliches Leben mit dem künstlerischen Leben verbinde. Das heißt also, dass ich, wenn ich durch die Stadt gehe, einerseits die Stadt bemerke, wie sie ist die Stadt, wie sie im sozialen Ablauf ist, aber andererseits mir einfach Dinge auffallen, wo ich sagen kann, dem würde ich nachgehen, da würde ich etwas machen damit oder was. Ob das jetzt eine Zeichnung ist oder nur ein Foto ist oder etwas Kleines, etwas Großes, ist egal, oder ob ich vielleicht einen ganzen Bezirk abreißen möchte und dort neue Häuser hin bauen, die von wem ganz anderen benutzt werden, als wie sie jetzt benutzt werden oder ganz eine andere Struktur haben, ob ich andere Einbahnen schaffen möchte oder Radwege oder irgend... - also und so weiter, ja.

S.R. Jetzt noch eine Frage, die sich auf diese sehr speziellen früheren Arbeiten bezieht, wo du ja genau das gemacht hast, dass du eigentlich das Privateste – deine Identität als Frau – in die Öffentlichkeit gebracht hast. Aber dafür immer eine ganz spezielle Definition, einen ganz speziellen Rahmen gefunden hast. Das ist für mich, also wenn ich diese Arbeiten sehe oder die Bilder davon, dann sind die für mich deshalb so stark, weil du quasi diesen öffentlichen Raum für dich definierst und da bestimmte Handlungen in Anspruch nimmst. Wie würdest du diese Inszenierung – weil ich weiß nicht, wie du es selbst bezeichnest – wie würdest du das formulieren, dieses Zusammenbringen von der persönlichsten Seite des Menschen – also körperlich – zu dem so genannten öffentlichen Raum mit allen seinen Stereotypen?

EXPORT: Das ist an und für sich eine ziemlich schwierige und komplizierte Arbeit. Auch wenn man künstlerisch jetzt versucht, es umzusetzen, und wenn es dann auch in der Umsetzung oder nachdem die Umsetzung passiert ist, eigentlich recht frei ausschaut, aber es ist sehr zwanghaft in Wirklichkeit. Weil für mich war ganz wichtig, dass ich keine biografischen Sachen machte. Das, was ich wirklich gehasst habe war, sind diese literarischen Biografien, oder auch Filme, die mit Biografien zu tun haben. Aber andererseits kann ich, wenn ich persönliche Sachen mache oder wenn ich mein Identitätsproblem behandeln möchte, ja nur von meiner Biografie ausgehen. Also ich bin da in einem – eigentlich ist man da in so einem Zwischenraum drin. Wie setze ich die Dinge um und was lasse ich zu und was lasse ich nicht zu? Und für mich war vielleicht bei diesen Identitätssachen ein großer Vorteil, weil ich Identitätsschwierigkeiten hatte, überhaupt, ja, also ich wollte keine Zuordnung der Identität haben, ich wollte überhaupt keine Identität haben. Was natürlich nicht stimmen kann, beziehungsweise ich wusste, daran kann ich auch wahnsinnig werden. Aber wahnsinnig wollte ich auch nicht freiwillig werden. Das wäre dann wieder ein ganz anderer Schritt gewesen, mit sich selbst oder der Umwelt oder mit dem künstlerischen Ausdruck umzugehen. Jetzt muss man so eine Basis finden, wo man sagt, man bringt seine Identität, seine eigenen Identitätsauseinandersetzungen, gibt sie in einen sozialen Kontext, gibt sie in einen kulturellen Zusammenhang, und aus diesem heraus, da versuche ich dann jetzt einen Weg zu gehen, der neue Öffnungen macht. Oder der dazwischen ist, so wie ich immer – ich sage ja oft, die Dinge liegen einfach zwischen den Dingen. Und dieses »Dazwischen» zwischen den Dingen, das muss man entdecken oder das muss man einfach darstellen, was dazwischen ist. Und das kann eben ganz was Eigenartiges sein, es kann etwas sein, was nichts ist, aber es kann auch etwas sein, was drinnen ist; so in den Fugen, wie man sagen würde. Man sagt ja – in der Musik gibt es ja auch die Fuge.



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