Camnitzer Chapter 4

From Paradise

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S.R. Wenn Sie 30 Jahre und mehr Konzeptualismus .... zeitgenössisch gesehen noch funktioniert?

L.C. Als Strategie gesehen, ja. Ich finde, dass da ein Bruch mit den 50er, 60er Jahren stattfand, der nicht mehr umgekehrt werden kann. Und der Bruch ist, dass man ein Kunstwerk jetzt liest wie eine Lösung zu einem Problem ... Was war das Problem, das diese Lösung beantwortet, ist das Problem interessant? ... das hat nichts damit zu tun, gefällt es mir oder nicht ... das kommt dann später ... hat mehr damit zu tun, will ich es haben für mich, oder nicht?, ist wieder eine Marktangelegenheit. Aber vom Theoretischen ist es Problem und Lösung, und diese Art, ein Kunstwerk anzugucken ist neu, relativ. ... das wird nicht mehr umgedreht; es handelt sich nicht mehr darum, wie wohl ich mich fühle vom Empfindungsbereich, wenn ich ein Kunstwerk angucke; es ist viel komplexer, es hat mehr mit Wissen zu tun: was lerne ich hier? Wie wird mein Wissen geschubst über die Grenzen? Das sind alles konzeptuelle Brüche, und die, glaube ich, werden bleiben...

S.R. Genau ... Wenn der Fehler der Kunstgeschichte darin liegt, Konzeptkunst ab 1965 als Stil zu historisieren..., anstatt damit eine soziale Veränderung zu begreifen ... wie würden Sie dann konzeptuelle Ansätze, Strategien heute aktualisiert sehen wollen?

L.C. Als Stil interessiert es mich nicht.

S.R. ... ich meine als soziale Intervention ... können Sie sich vorstellen, dass da eine zeitgenössische Intervention stattfindet?

L.C. Die Hacker des Internet sind im Grunde meine Kinder ... Das ist eine Übersetzung von was wir wollten in den 60er Jahren, in einen anderen Bereich...die guten Hacker.... Die Tat, Information zu nehmen und sie umzudrehen, zu entmystifizieren, das ist die heutige Antwort ... wahrscheinlich Hacker und Zapatistas ...

S.R. ... das hieße aber, dass Dada, Situtationismus, Fluxus .. bestehen bleiben als historische lineage?

L.C. Als Genealogie, ja. Aber meine Werke ... sind ... obsolet. Ich mache Objekte, Sachen, die können vermarktet werden und sind fetischistisch. Das ist eben ein Problem meiner Generation, und ich bin auf eine Art zu faul, da weiter zu gehen. Ich habe eine Idee und mache sie so gut ich kann. Aber ich bin ein alter Knacker, ich bin ein Fossil der Kunstgeschichte und ich kann nur Hinweise geben, so dass andere es weiterführen, da, wo ich nicht mitkomme. Ich fühle, dass da ein Generationsbruch ist zwischen mir und den nächsten. Es ist nicht, dass ich viele, die nach mir kamen, gerne habe ... es ist viel triviale Kunst und viel ... das geht in ein anderes Thema, aber viel der Kunst heute ist ein Missverständnis von Information und geht in soundbite-Niveau ... verliert die Komplexitität. Das Ideale wäre, ein soundbite zu schaffen, das so komplex ist wie das komplexeste Werk in der Geschichte des Wissens. Ein Modell für mich war immer Borges ... das Aleph, der eine Punkt, der alles in sich hat. Das ist, was ich gerne schaffen würde; oder wie ein Hologramm, wo jeder kleine Teil die ganze Information in sich hat. Das wäre das ideale Kunstwerk.

S.R. Was ja vielleicht nur als Idee, als Konzeption überhaupt existieren kann. Vielleicht lässt es sich nicht realisieren.

L.C. Aber man kann versuchen.


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