Camnitzer Chapter 3

From Paradise

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Ausstellungsbesuch

S.R. Was würden Sie als den stärksten Einfluss auf Ihr Werk bezeichnen?

L.C. Ich weiß nicht, was gefragt wird hier – im Sinne Künstler oder im Sinne Leben, oder was? Der größte Einfluss ist natürlich, dass ich in der Peripherie aufgewachsen bin und Sachen von der Warte sehe, und meine Kunst kommt davon. Das ist die Hauptantwort. Sekundäre Antwort ist, ich bin interessiert an ein paar Künstlern; Magritte interessiert mich sehr ... Piranesi ... Goya ...Posada auch, die haben wahrscheinlich auch alle Einfluss gehabt.

S.R. ... schon die Praktiken in der Geschichte der Kunst genannt, die Sie sehr stark fasziniert haben, die quasi Ihre Favoriten darstellen. Wie würden Sie Ihre eigene Identität sehen im Verhältnis zu anderen großen Künstlern in der Geschichte der Kunst? ... bestimmte Entwicklung, wie Sie selbst die Geschichte der Kunst zu Ihrer eigenen Identität reflektieren?

L.C. Da kommt hin ein bisschen, was vorher gesagt worden ist über Identität und Originalität. Im Grunde glaube ich nicht, dass Originalität so wichtig ist; ein gewisser Bruch ist wichtig, aber der muss nicht individuell sein. ... Kunst ist ein kollektives Gut. Wir sind alle Sandkörner im Berg; es ist unwichtig, was ein bestimmtes Sandkorn tut. Im Grunde ist der Stempel »Original« ein Marktstempel, wichtig für den Markt, weil es wie eine Marke ist; man kann erkennen, diese bestimmte Marke und dadurch ist sie wertvoller als andere Marken. In dem Sinne ist es mir egal, ob ich originell bin oder nicht. .... es tut natürlich gut, zu wissen, dass man ein bisschen anders ist als andere Künstler, aber es ist nicht wichtig von einer größeren Perspektive ... . Identität hat immer die Gefahr, dass es ein Programm werden kann, und wenn Identität ein Programm wird, dann macht man Kitsch und macht man nicht mehr Kultur. In dem Sinne liest man Identität, nachdem das Werk gemacht ist und nicht vorher. Da ist ein Paradox in der lateinamerikanischen Kunst, wo lateinamerikanischer Konzeptualismus, der sich nur mit gewissen Brüchen befasst hat und mit Politik, nach und nach eine Identität dargestellt hat in den 60er, 70er Jahren. Und dann in den 80er Jahren, als Identität Mode wurde, um »anders» zu sein, das Andere zu sein, da wurde es ein Programm, da wurde auf einmal Folklore und Kunstgewerbe modern, und im Grunde war das nicht so wichtige Kunst. Die war erkennbar – so wie magischer Realismus, da konnte man sagen, oh, das ist lateinamerikanisch!... aber das war wieder eine Markenerkennung und nicht wirklich Kulturschaffen. Und das finde ich wichtig: wenn man mit der Umgebung sich befasst, dann kommt die Identität von alleine.

S.R. Und das ist für Sie der politische Link zwischen Originalität // Politik im Großen//... Ziel, Fokus Ihrer Kunst ...?

L.C. Ja, Selbstverdichtung. Der Künstler ist ein intermediary, ein Zwischenhändler zwischen der Wirklichkeit und dem Publikum. Das Ideal wäre, dass das Publikum keinen Zwischenhändler hat, sondern direkt mit der Wirklichkeit agieren kann, und dass die Funktion von Künstlern – das Publikum zu fördern, so dass es frei wird und selbst mit der Wirklichkeit handeln kann, und dann ist der Künstler nicht mehr nötig. Ich hätte nie gedacht, .das war natürlich utopisch, aber im persönlichen Sinne.. als ich zwanzig Jahre alt war, dass ich jetzt noch Kunst machen würde; ich dachte, wenn ich vierzig bin, dann werde ich ein Schreiner oder Veterinär, und dass Kunst dann für mich erledigt ist. ... vielleicht ist es Faulheit, dass ich weiter Kunst mache.


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