Camnitzer Chapter 2

From Paradise

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NN. ...es ist ja nicht so, dass die Konzeptkunst eine weltweit anerkannte, mit breiten Wirkungen bestehende Kunstrichtung sein würde, sie ist ja in meinen Augen immer noch sehr Avantgarde auch in ihrer selbstreflexiven, philosophischen Art und Weise doch sehr spezifisch die eigene Position hinterfragt. Ich würde das gar nicht so gegeneinander ausspielen wollen. Interessant ist, wie die New Yorker Konzeptkünstler auf diese »Global Conceptualism« Ausstellung reagiert haben ...

L.C. Ich habe nichts gehört. Aber ich glaube doch, dass die Konzeptualisten der 60er Jahre nicht mehr Avantgarde sind, sie sind Klassiker, sie werden als Klassiker gesehen ... Sonst würde es ja nicht Neo-Konzeptualismus geben und Post-Konzeptualismus usw. all das ist ja auch... (Eine Sache, die wir geschafft haben, ist, dass Yoko Ono jetzt als Konzeptualistin gesehen wird und nicht mehr als Proto-Konzeptualistin und Fluxus-Künstlerin, und das wurde durch diese Ausstellung geschafft. Wir haben mit Situationismus angefangen 1950, und bis China 1989, und die 30 Jahre, beinahe 40 Jahre Konzeptualismus ... Yoko Ono ist ein gutes Beispiel, weil sie ... wurde bestraft, weil sie zu früh gearbeitet hat in der Kunst. Hätte sie dieselben Sachen zehn Jahre später gemacht, wäre sie ein konzeptueller Star; weil sie zehn Jahre zu früh das gemacht hat, war sie einfach ein kleiner Vorgänger. Und das ist vielen passiert; viele Fluxuskünstler waren da und viele Situationismus. Diese Scheiben-Vision von der Kunst ist vielleicht gut für Kunsthistoriker, aber hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Wenn man wirklich durchgeht, kommt man zum 19. Jahrhundert; die Kabarettisten in Paris hatten konzeptuelle Anfänge, die sehr stark waren, die teilweise satirisch waren, aber vom Stil hätten sie auch 50 oder 60 Jahre später gemacht werden können und wären durchgegangen. Dass man da immer ein präzises Datum braucht, um eine Bewegung anzufangen, dass ist nur Bequemlichkeit für Kunstgeschichte; Kunstgeschichte ist im Zentrum geschrieben und dadurch ist sie eine Zentrum-Warte, und Peripherie wird immer beiseite gelassen, wenn sie nicht passt oder nicht funktionell ist, um das Zentrum aufzubauen ... .

NN. ... die Arbeit »Sifter» - Der Mechanismus zum Töten eines Betrachters, hat die einen Bezug zu Robert Morris?

L.C. Nein, ...

N.N. ... Prototyp des Künstlers, der... durch seine Texte dafür sorgt Machtzentrum in der "Kunstwelt" ...

Ich respektiere die alten Werke der frühen 60er Jahre. Es war einfach die Frage: was ist ein Genie – existiert es oder nicht, wie wird es gemessen. Letzten Endes wird es gemessen, dass ein gewisser Konsensus da ist, dass so und so ein Genie ist. Aber wenn ich dann alle, die nicht im Konsensus sind, eliminiere, dann schaffe ich einen Konsensus und dann bin ich ein Genie... Sifter ist in dem Sinne ein ... Sieb.


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