Camnitzer Chapter 1

From Paradise

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S.R. Sie vertreten ja mit der Ausstellung »Global Conceptualism« die Meinung, dass die Konzeptkunst keine Domäne des anglo-amerikanischen Bereiches oder Europas war, sondern dass es an vielen Orten zur ähnlichen Zeit in den 50er, 60er Jahren Entwicklungen gab. Vielleicht können Sie kurz etwas dazu sagen, wie Ihre eigene Arbeit diese »Points of Origins«, das war ja der Subtitel ...., wie Sie das mit Ihrer eigenen Arbeit verstehen.

L.C. Ich glaube, es ist wichtig zu unterscheiden zwischen Stil und Strategie. Konzeptualismus in den Staaten und teilweise auch in Europa wurde schnell zum Stil formalisiert. Was die Gruppe, die diese Ausstellung organisiert hat –  das waren Rachel Weisz, Jane Farber und ich, wir sind sehr befreundet, es war an sich ein Freundschaftsprojekt mehr als ein professionelles Projekt, aber wir fanden, dass wenn man es als Strategie ansieht, dann ist auf einmal die Uhr, die die Geschichte misst, nicht mehr in einem Zentrum, sondern in vielen Zentren. Das weitergeführt bedeutet, wenn 1968 ein Krisenjahr ist – das war ein Krisenjahr in Frankreich und in den Staaten, aber dieselbe Krise war in den 50er Jahren in Lateinamerika, in den 80er Jahren in Korea, ‚89 in China usw. Speziell mit konzeptualistischen Strategien beantwortet man eine Krise, die im Moment passiert und die eben gewisse Aktionen notwendig macht; in dem Sinne ist es nicht eine formalistische Kunst, sondern eine Antwortkunst. Natürlich sind dann auch ... die Idee von Derivation, die im Stil normalerweise angewendet wird, hat auf einmal keinen Sinn mehr, und Sachen wie Recycling ... für eine Maschine importierte Sachen zu nehmen, um die Maschine zum Funktionieren zu bringen – niemand würde sagen, das ist derivativ, du musst deinen eigenen Teil fabrizieren, um originell zu sein. Diese mehr pragmatische Haltung passiert in Kunst, wenn Krise eingeworfen wird und wenn Politik drin ist, und dann muss man es auf einmal funktionell machen. Wenn in China z. B. ‚89 auf einmal konzeptuelle Elemente benutzt werden und die Referenz haben zu was im Zentrum passiert, bedeutet das nicht, dass es ein Abklang ist oder eine Kopie, sondern eine funktionelle Bewährung von gewissen Solutionen. In anderen Fällen, wo es vorher passierte, wie Lateinamerika oder Japan, dann wird es auf einmal »protokonzeptuell» genannt, weil es nicht es nicht der Geschichte des Stils... es passt nicht mehr. Diese Probleme wollten wir nun auf einmal aufdecken, und da haben wir als Modell, also eben, was ist 1968 das wirkliche Jahr in anderen Plätzen; und zweitens, dass Konzeptualismus auf einmal eine Föderation von Provinzen ist, wo kein Zentrum mehr ist, und in dem Gewebe war auf einmal New York da irgendwo in der Mitte und nicht größer als andere. Das war in dem Sinne eine vollkommen dezentralisierte Ausstellung, und die wurde auch sehr in den Staaten natürlich kritisiert, weil wir uns dem Chauvinismus nicht angepasst haben, in der Presse .... weil wir vergessen haben, dass Kosuth und Weiner Konzeptualismus angefangen haben mit Hilfe von manchen Europäern..., und dass wir dasselbe Maß für zehn lateinamerikanische Länder gegeben haben wie für Nordamerika und Kanada zusammen. Das war auch offensiv, das hätte für sie viel kleiner sein müssen. Aber es war, finde ich, eine Bahn brechende Ausstellung, die das einfach aufgedeckt hat, wie Geschichte geschrieben hat... Lange Antwort für kurze Frage.


Louis Camnitzer »