Bitomsky Chapter 9

From Paradise

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S.R. Ich möchte jetzt noch mal auf ein Zitat von Ihnen kommen, das ich kurz vorlese und darin geht es noch einmal um die Realität: »Die Bilder zeigen eine Realität, die nicht mehr existiert. Vielleicht ist das Dokumentarische nichts als das Exil der Realität, ihre fremde Heimat. Worauf ich hinaus will, ist dass, das Dokumentarische ein kritisches Genre ist, wegen seines Gegenstandes. Es ist der Ausdruck einer Krise, weil das, was man als Realität bezeichnet, selber schon ein Gegenstand in der Krise ist. Das Reale ist immer im Begriff der Auflösung, des Auseinanderbrechens und Umbrechens und Durchbrechens, Entfaltens der Veränderung, des Entgleitens und des Übergangs. Der Begriff der Realität selbst betrifft immer schon einen Gegenstand in seiner Krise. Realität ist immer auf der Flucht. Ein Dokumentarfilm kann sie nicht festhalten, er kann sie nur wieder erschaffen.« Das ist für mich .... dieser Punkt, dass man sich in dieser Hybris bewegt: es ist etwas da, aber man kann es so nicht festhalten. Man muss immer den Modus finden oder selbst erschaffen, selbst erzeugen, in welchem man etwas zeigt oder etwas spiegelt oder etwas reflektiert. Insofern scheint mir eigentlich das Gespräch über das Medium, das man gerade bearbeitet, wie wir in der Situation, in der wir uns jetzt befinden, scheint mir eigentlich noch die unmittelbarste Form, selbst wenn wir immer schon wissen, das es geschnitten und moderiert wird. Und in diesem Zusammenhang möchte ich noch mal auf den Begriff der Moderation kommen. Für mich stellen Ihre Filme ein frühes Beispiel dar, wie man verschiedene Realitätskonstrukte, Objekte in einer Moderation zusammenbringt. Trotzdem wählen Sie eine Form, Sie haben selbst darauf hingewiesen im Verhältnis zu Michael Moore, die nicht unbedingt Unterhalterqualitäten hat. Wie schätzen Sie diese selbst gewählte Form der Moderation ein? Ist es der Versuch, einen reflektierenden Film zu machen oder ist es tatsächlich mehr so etwas wie die Moderation des Materials zu bringen, was man dem Publikum zeigt. Das entscheidenden für mich ist der Aspekt der Moderation. Durch den Aspekt der Moderation, der in den letzen Jahren ein wahnsinniges Gewicht in den Medien bekommen hat, auch, sagen wir ruhig, bei einem Dokumentarfilmer wir Michael Moore, scheinen Sie mir, wenn man von so einem Begriff überhaupt noch ausgehen kann, eine Avantgarde darzustellen, denn diese oder eine Form der Moderation von verschiedenen Bildebenen, von verschiedenen Realitätsquellen ... Die haben Sie sehr früh eingesetzt. Wie sind Sie zu dieser Form gekommen?

H.B. Mich, ich muss zugeben, mich irritiert der Begriff Moderation und Moderator ein bisschen, besonders, wenn ich ihn auf mich angewendet sehe oder das, was ich mache, weil ich damit immer irgendetwas Nivellierendes in Verbindung setzte, abglätten, Spitzen wegnehmen, Dinge angenehmer machen oder in einem angenehmen Kontext, gewissermaßen aufbereitet vorzutragen. Das sind natürlich Dinge, die ich eher verabscheue. Insofern - auch wenn ich hin und wieder mal in einem Film von mir erschienen bin – kann ich mich damit gar nicht richtig anfreunden. Ich habe das immer für mich selber immer anders erklärt, indem ich mich selber zum Produktionsmittel gemacht habe vor der Kamera. Ich gehöre dazu, ich bin ein Produktionsmittel wie die Kamera es ist, das Mikrofon es ist, wie meine Ideen oder die Ideen von anderen, die ich zitiere, es sind, so bin ich es auch als Person, und so kann ich einen Platz vor der Kamera oder hinter der Kamera haben. Das war eigentlich meine Funktion eher; hat auch ein bisschen mit der Kargheit zu tun, mit der ich gewohnt bin zu arbeiten. Ich bin sozusagen meine verlässlichste Quelle; vielleicht unzulänglich hier und da, aber dann kann ich es auch, wenn so wenig mir zur Verfügung steht, dann kann ich es gleich selber vor der Kamera machen, sagen, vortragen.

S.R. Zugegebenerweise war der Begriff des Moderators provokant gemeint, denn ich wollte auf die Differenz hinaus, die eigentlich dahinter steht. Der Moderator ist ja ein Operator im Sinne eines Senders, oder im Sinne eines Regisseurs, Produzenten, während Sie für mich der klassische Autorenfilmer sind, der natürlich sein eigener Auftraggeber ist. Inwiefern, also gerade unter den veränderten Bedingungen von Filmförderung oder veränderten Bedingungen auch für den Dokumentarfilm, inwiefern sehen Sie eine Chance für den Autorenfilmer, der nach wie vor sein eigener Auftraggeber ist?


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