Bitomsky Chapter 8

From Paradise

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S.R. Nun sagt der französische Philosoph Jacques Derrida, der sich ja auch mehr und mehr in den letzten zehn Jahren mit Medienphänomenen beschäftigt hat, er sagt, es gibt für uns kein Ereignis mehr, was nicht seine Präsentation oder Dokumentation schon enthält.

H.B. Eigentlich ist das schon eine ganz alte Erkenntnis. Edgar Morin, der mit Jean Rouch den wunderbaren Film »Chronik eines Sommers« gedreht hat, erwähnt mal dazu, dass wir – und das schließt an die Idee der diskreditierten Authentizität an – dass in Wahrheit alle die Leute, die da in dem Film vor der Kamera befragt worden sind, Stücke ihres Lebens preisgeben, eine Maske tragen; nur ist das einen Maske, die ihnen sehr stark ähnelt. Gleichwohl sagt er, will er andeuten, es ist eine Performanz, da wird etwas vorgeführt, dargestellt, das ist eine Selbstinszenierung, die da ist. Die ist natürlich viel stärker geworden durch diese Unmengen von Stunden Fernsehschauen, die jeder inzwischen konsumiert – und gewissermaßen auch kurzgeschlossen: die Masken ähneln nicht nur den Leuten, sondern die Leute ähneln auch dem, was von ihnen erwartet wird. Eine gewisse regressive, kurzgeschlossene Situation ist da.

S.R. Das würde ja auch wieder ganz genau zu der vorher besprochenen, gestellten Situation in dieser Modell-Wohngemeinschaft passen, wo man versucht, ein Medienimage zu spielen, was man selbst ist.

H.B. Dabei kriegt man natürlich nicht mehr raus, als was diese Bedingungen erheischen, erfordern und erwünschen. Die Leute sind mehr oder weniger nur noch die Erfüller davon. Deswegen meinte ich, dass man diese Versuchsanordnung anders arrangieren muss, indem man den Leuten eine Aufgabe stellt, die genau diese eingeschliffenen, erworbenen, gesicherten Verhaltensweisen aufbricht, in Frage stellt, die sozusagen die riskanten Momente hervorbringen kann.


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