Bitomsky Chapter 7

From Paradise

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H.B. Im ersten Moment scheint mir sozusagen diese »Versuchsanlage» eigentlich interessant zu sein, sehen wir einmal davon ab, dass Einschnitte vorgenommen sind, Kastrationen vorliegen, indem alles Genitale offensichtlich ausgeklammert wird, der menschliche Körper reduziert wird auf bestimmte Flächen und Formen und andere nicht erscheinen dürfen, die auch ganz massiv zum alltäglichen Leben gehören ... Einmal abgesehen von derlei Einschränkung, was für mich interessant ist, ist, dass in der Tat bei dieser Anordnung etwas entstehen kann, man zuschauen könnte, wie Realität entsteht, wie Realität durch das Leben in einer besonderen, vielleicht spezifizierten Situation zum Ausdruck kommen kann. Ich glaube dass, was in Wahrheit passiert eher das ist, dass die Menschen eher das anwenden, worauf sie sowieso schon trainiert sind. Wir leben in einem Zeitalter der gesättigten Mediatisierung; jeder hat so viele Stunden von Fernsehen intus, dass er auch jederzeit fast in der Lage ist, diese Formen zu reproduzieren; dass viele Leute keine Schwierigkeiten haben, Darsteller ihrer selbst zu sein. Was an dieser Form, über die wir gerade sprechen, interessant sein könnte, wenn man den Leuten bestimmte Aufgaben stellt und sieht, wie sie da anfangen müssen zu arbeiten, etwas Neues zu erzeugen, was sie eben noch nicht auswendig gelernt haben. Man sieht sozusagen – was ich eben diese gesättigte Mediatisierung genannt habe – dass zum Beispiel heute fast jeder in der Lage ist, ein ordentliches Interview auf der Straße zu geben, was vor dreißig Jahren absolut unmöglich war. Ich erinnere mich noch, wie in Deutschland die ersten Straßeninterviews gemacht wurden, in den 60er Jahren, und die Leute nur wegrannten, sobald sie die Kamera sahen, absolut die Sprache verloren hatten, in der Tat gar keine Verhaltensformen dafür hatten. Das hat sich völlig verändert; jeder ist durchaus komfortabel, vor einer Kamera zu stehen und jeder ist durchaus linguistisch, sprachlich kompetent genug, um genau das zu reproduzieren, was erwartet wird in solch einer Situation. Insofern stellt diese Form, über die wir gerade sprechen, so wie sie da praktiziert wird, eigentlich gar nichts Besonderes mehr vor.

S.R. Das heißt auch, dass wir quasi auch mit einer Form von Überwachung in dieser Gesellschaft vertraut sind, dass uns Kameras einfangen oder wir quasi in einem medialen Bild erscheinen, dass das kein Befremden, keine besondere Stresssituation mehr auslöst. Kann man so weit gehen?

H.B. Ja. In gewissem Sinne ist das schon fast eine autistische Situation, indem jeder in dem gleichen System gefangen ist. Das Mediale reproduziert sich fortlaufend. Es entsteht höchstens am Rande mal irgend etwas Neues, das gegebene Formen, Verhaltensweisen aufbricht, aber in der Regel ist alles wohltemperiert, richtig strukturiert, gesetzt, akzeptiert und daher jederzeit auch wieder zu reproduzieren.

S.R. Heißt das im Gegenschluss jetzt für den Dokumentarfilm, dass die Inszenierung immer stärker wird, oder lassen sich so genannte »authentische Effekte» immer weniger produzieren, oder welchen Schluss ziehen wir?

H.B. Ja, man könnte das so ausdrücken, dass .... Nochmal die Frage.

S.R. Wenn es so ist, dass wir immer vertrauter sind mit dem medialen Dispositiv und uns das nicht mehr erschreckt, als den Normalbürger jetzt, den es natürlich nicht gibt, wir selbst damit vertraut sind, im Bild zu erscheinen und solche Formate zu bedienen, welchen Schluss ziehen wir daraus für den Dokumentarfilm (Unterbrechung: Bitomsky: Da war doch was mit Inszenieren oder so.) ja, ziehen wir den Schluss, dass das Authentische gar nicht mehr zu provozieren ist und wir nur noch inszenieren. Oder welchen Stellenwert wird dieses Verhältnis von Authentizität und Inszenierung für den Dokumentarfilm spielen in Zukunft?

H.B. Ich denke, dass die Idee des Authentischen völlig diskreditiert ist, aufgrund dessen, worüber wir gerade gesprochen haben. Ich habe ohnehin immer begriffen, sozusagen mir immer gedacht, dass es im Dokumentarfilm um etwas geht, was ich erste Produktion und zweite Produktion genannt habe, wobei die zweite Produktion das ist, was im Augenblick der Aufnahme vor der Kamera geschieht, was im Prozess des Filmemachens, der künstlerischen Bearbeitung dieses Materials usw. geschieht. Die erste Produktion ist das, was man Realität nennt; das aber erste Produktion zu nennen, bedeutet schon, dass man die Realität als etwas Gemachtes begreifen muss. Um das zu verdeutlichen: Sehr oft haben wir vor der Kamera jemanden, der auf eine Weise oder eine andere Wese im Leben sehr beschädigt ist, und der Dokumentarfilm wird gewissermaßen zum Klagelied dessen. Wichtig wäre – und das ist auch das, was in der Natur des Dokumentarfilms ist – herauszufinden, wieso ist das Leben so geworden dieser Person, woher kommen die Schäden? Das ist sozusagen die erste Produktion, die erste Inszenierung könnte man sogar sagen; da ist das Leben eines Menschen inszeniert worden, wer war der Regisseur, welche Kräfte haben da Regie geführt? Das mehr begrifflich in diese Richtung zu drehen, ist glaube ich das, was man machen muss in dieser Zeit im Dokumentarfilm. Das kann man aber nur, wenn man, was ich die zweite Produktion, die zweite Inszenierung nenne – die muss das zum Vorschein bringen, also die künstlerischen Verfahrensweisen, die man zur Verfügung hat, die man anwendet, für sein Projekt herstellt, benutzt.


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