Bitomsky Chapter 6

From Paradise

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S.R. Ich fange an mit einem Zitat aus Ihrem Buch »Kinowahrheit«, den genauen Text habe ich jetzt nicht dabei stehen. [...] Sie sagen in einem Text, ich lese das Zitat kurz vor: »Der künftige Dokumentarfilm wird sich ändern müssen, um zu überleben und neue Definitionen für sich zu erarbeiten. Auf die Garantie einer Wahrheit, die auf der maschinellen Reproduktionstechnik der Kamera und des Filmmaterials fußt, wird er nicht mehr länger bestehen können. Die Authentizität hat den Dokumentarfilm lange genug gefesselt, und die Realität bloß zu konsumieren, statt zu produzieren, wird mehr denn je nicht genügen. Es wird offenbar werden, dass die Realität, auch des Dokumentarischen, nicht jenseits der Bilder zu suchen ist, sondern in ihnen.« Genau diese von Ihnen formulierte, erkannte Änderung des dokumentarischen Bildes hat ja sehr viel damit zu tun, was wir bereits angesprochen haben, dass dem Bild eine Konstruktion zu Grunde liegen muss. Wie sehen Sie aus Ihrer Perspektive die Veränderung des Dokumentarischen?

H.B. Es ist ein Gedanke, den ich noch nicht ganz zu Ende gedacht habe, und vielleicht nicht nur nicht zu Ende gedacht habe, sondern ich selber habe noch nicht genügend Praxis, die die neuen Möglichkeiten erforschen würde. Der Gedanke geht davon aus, dass in dem Moment, wo wir digital arbeiten, jedes Pixel im digitalen Bild durch ein anderes Pixel ersetzt werden kann, ohne dass eine Spur der Retusche bleibt, d.h. wir können den Bildern nicht mehr trauen als Garanten einer treuen Übergabe oder Wiedergabe von Sachen, Situationen, Ereignissen vor der Kamera. D.h. bestimmte Verfahren des Dokumentarfilms sind nicht mehr »trustworthy», denen kann man nicht mehr so blindlings vertrauen, was sicherlich, wenn der Dokumentarfilm überleben will, doch eine Herausforderung ist, neue Formen, neue Verfahren zu entwickeln. Wie die genau aussehen, weiß ich noch nicht, oder habe ich noch nicht genügend ausprobiert. Mir scheint aber, dass deutlicher herauskommen muss, dass das Bild selber der Gegenstand dessen ist, was man betrachtet, und nichts, was im Bild aufscheint. Das Gemachte des Bildes wird seine Wahrheit sein, und das macht die Situation des dokumentarischen Filmemachers natürlich sehr viel schwieriger.

S.R. Nun kann man die Frage von der technischen Seite ja auch noch ausdehnen auf die Frage des Subjekts, und ich würde kurz ausführen, wie aus meiner Perspektive das Verhältnis von öffentlich/ privat, Filmemacher/Objekt des Films sich insofern geändert hat, als wir seit einigen Jahren mit Formaten im Fernsehen konfrontiert sind, die im Sinne der Daily Reality Soap das Normal-Subjekt, wie z.B. Big Brother, also ich spreche jetzt konkret von Big Brother; diese Sendung, ich weiß nicht, ob Sie das verfolgt haben, das war in den USA, glaube ich, marginaler als in Europa. Die Szenerie, um das kurz auszuführen, war folgende: Es wurde eine ideale Wohngemeinschaft gecastet; diese Wohngemeinschaft wurde über einen Zeitraum von zwei, drei Monaten in einer Wohnung gefilmt mit Hunderten von Kameras gefilmt; ausgespart blieb lediglich der Bereich Toilette und Dusche, sogar in der Dusche befand sich aber eine relativ neutrale Kamera, das man sah: da duscht jemand, aber der Körper wurde nicht gezeigt. Natürlich findet ein Editionsprozess statt, ein Selektionsprozess durch die Regie. Und es findet im Vorhinein ein Prozess der Selektion statt, insofern als die Subjekte gecastet werden, d.h. es wird eine bestimmte Formation von einer Gruppe erzeugt. Das Besondere scheint mir aber an dieser Reality-Soap, dass die Subjekte, die dort drin sind, keine Qualifikation im alten Sinne mehr aufweisen, d.h., dass sie singen können, ein Instrument spielen können, was auch immer, sondern diese Subjekte, ganz normale Menschen, der »Mann von der Straße» zeigt sein Privatleben in einer gestellten Situation. Und meiner Ansicht nach bedeutet das ganz stark eine Verschiebung im alten Marxschen Sinne des produktiven und reproduktiven Bereichs. Wenn man davon ausgeht, meine These, dass man früher diese Kompatibilität zwischen produktivem und reproduktivem Bereich, d.h. also zwischen Arbeitswelt und privater Welt, nur im künstlerischen Bereich teilweise gefunden hat und vielleicht noch im Porno- oder Prostitutionsbereich, dann scheint mir dieses neue Fernsehformat eine ganze andere Formation, auch kritische Formation für das Subjekt darzustellen. Vor allem stellt sich ja die Frage, was das Dokumentarische daran noch ist. Wir gehen davon aus, dass diese Darstellung, die wir im TV sehen, auf dem Bildschirm, dokumentarisch ist. In Wirklichkeit ist aber die Stunde oder die zwei Stunden, die wir verfolgen, eine total konstruierte, nach bestimmten Kriterien zusammengestellte Situation. Welche Rückwirkung auf das filmische Dispositiv kann das haben?


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