Bitomsky Chapter 5

From Paradise

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S.R. Für mich drängt sich jetzt geradezu eine Frage auf nach Spielweisen des Dokumentarischen, mit denen wir konfrontiert sind gegenwärtig... Ihr letztes Statement spielt mir quasi den Ball zu, insofern als ich ganz gerne auf Spielweisen des Dokumentarischen in der Gegenwart kommen möchte. Wir sprachen gerade darüber, ob ein Dokumentarfilm den Betrachter, die Betrachter, das Publikum herausfordert, indem die Schlüsse durch eine intellektuelle Leistung selbst gezogen werden müssen, oder ob man quasi eine Information vorprogrammiert, und die Frage ist: Befinden wir uns dann im ideologischen Spiel? Sehr bekannt ist die Verfahrensweise von Michael Moore, der gegenwärtig ja mit einem neuen Film virulent ist; »Fahrenheit 9/11« schien mir ein Film zu sein, der nur noch vorgefertigte Informationen, vorgefertigte Meinungsbilder liefert; trotzdem scheint er eine wichtige Funktion in der gegenwärtigen amerikanischen Gesellschaft darzustellen.

H..B. Er erschöpft sich nicht darin, sozusagen bestimmte Ergebnisse durch den Film zu erzeugen, durch Verfahren, die man manipulatorisch nennen kann. Es gibt auch in dem Film sehr viel zu entdecken, was vorher niemand gesehen hat. Das ist sozusagen die Hauptenergie in dem Film. Das was der Moore als Filmemacher darin macht, ist eher auf der uninteressanten Seite; was er mit seinen Rechercheuren gemacht hat, ist das, was interessant ist. Wenn ich – ein kleines Beispiel aus diesem Film – an die Szene denke, wie im Senat schwarze Wähler protestieren, dass ihre Stimme nicht zur Kenntnis genommen worden ist. Das war etwas, von dem niemand gewusst hat, von diesem Vorfall, das war absolut unbekannt, und es ist geradezu bestürzend, das zu sehen, kombiniert mit dem Fakt, um politisch ernst genommen zu werden, das zu einem Fall zu machen, sie die Stimme eines einzigen Senatoren gebraucht hätten, der sie unterstützt, und es gab nicht einen einzigen, also nicht einmal von der Partei, die in Florida verloren hat durch diese Machenschaften. Das z.B. gab es nicht zu sehen. In diesen Bereichen liegen in der Tat die Stärken des Films. Auf der Seite des Filmemacherischen ist vielleicht das Projekt oder der ganze Film eher beschädigt; das wird aber gut gemacht durch die Fundstellen, die dieser Film bedeutet, die Sachen, die da waren, die nur noch niemand gesehen hat. Wodurch der Film eine der wesentlichen Bedingungen des Dokumentarfilms erfüllt, das ist, uns etwas zu sehen zu geben, das wir noch nie gesehen haben, und uns als Zuschauer in eine Welt, eine Wirklichkeit zu versetzen oder uns mit der zu konfrontieren, in der wir uns nie befunden haben, Dinge zu erfahren, von denen wir nicht wussten. Das ist sozusagen die vorgefundene Seite, das Material, das vorgefunden wurde.

S.R. Ich komme vor allem deshalb auf Michael Moore, weil er mir schon in Ihrer Tradition, in Ihrer eigenen filmischen Tradition zu stehen scheint, insofern er als Filmemacher in performative Aktion tritt.

H.B. Ja, trotzdem macht er das, glaube ich, auf andere Weise als ich. Er ist ein gediegener Unterhalter, ein Entertainer, was mir ein bisschen abgeht. Ja, in der Tat, hat er eine merkwürdige Form gefunden, die gegen den klassischen amerikanischen Dokumentarfilm geht, wie er uns durch das direct cinema überliefert ist, wo alle Spur des Filmemachers gelöscht sein soll, wo der Film nur das Protokoll ist, was die Fliege an der Wand gesehen hat, die überhaupt nicht Teil der Situation vor der Kamera gewesen ist, auch in einem mehr übertragenen Sinne, dass nichts arrangiert, dass nichts provoziert ist, dass alles, was vor der Kamera passiert, wahr sei. Diese Art von Dokumentarfilm ist natürlich hier sabotiert, in dem Moment, wo der Filmemacher mit vor der Kamera steht oder wo seine Signatur sehr, sehr deutlich, wenn nicht überdeutlich wird. Was ich eigentlich begrüße. Das heißt nicht, dass man unbedingt immer vor der Kamera sein muss. Vielleicht gibt es Situationen, wo man sich dem aussetzen muss, was man gewöhnlich Leuten zumutet, die man vor die Kamera platziert, weil das ja ein Ort des Stresses ist, wo man eine gewisse Leistung erbringen muss. In dem Moment, in dem die Kamera läuft, muss man präsent sein. Üblicherweise verstecken die Filmemacher sich hinter der Kamera und haben sozusagen das a posteriori für sich, dass sie im Nachhinein, dass sie, wie beim Treppenwitz, die Schlauen sein dürfen, und alles korrigieren und alles beurteilen können usw. Das fällt flach in so einem Moment, wenn man vor der Kamera ist. Oder wenn man etwas als Künstler, als Filmemacher im Moment der Aufnahme machen muss, das nicht verabredet war, das nicht vorgeprobt ist, wo man sich beweisen muss in der Minute.


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