Bitomsky Chapter 4

From Paradise

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S.R. Jetzt scheint mir ein wichtiger Punkt in Ihrer Produktion, in Ihrer Haltung zu sein, dass Sie immer auch die politischen Aspekte der Zeit, die sie behandeln, oftmals aber auch die eigene Gegenwart mit ins Spiel bringen. Wie kam es zu dieser Form der Produktionsweise, die ja schon sehr speziell mit dem Ready-made, wenn wir das als Objekt, den Objektbegriff übernehmen, arbeitet?

H.B. Man sagt immer, wenn man auf irgendwas mit dem Finger zeigt, weist der Daumen auf einen zurück. In der Tat ist das unausweichlich, sobald man über geschichtliche Phänomene spricht, wird sofort die Gegenwart deutlich. Wie in einem negativen Spiegel, könnte man sagen, in dem Dinge aufscheinen, die direkt mit dem historischen Fakt zu tun haben, die die Gegenwart mit den historischen Fakten verbindet. Manchmal ist es nur in der Weise, dass man, sagen wir mal als Historiker, neue Einsichten gewonnen hat über ein historisches Phänomen. Aber man kann diese Einsicht nur in einer gewissen Konstellation, in einer gewissen historischen Gegebenheit, in der man sich selber befindet, entdecken, so dass, was immer wir über die Vergangenheit sagen, was wir entdecken, was wir finden, immer ein Rückverweis entsteht auf uns. Was zum Beispiel für mich deutlich geworden ist, als ich mit found footage aus der Nazizeit gearbeitet habe, dass ich sofort die Determinanten der bundesrepublikanischen Gegenwart entdecken konnte; viele Dinge, die damals entwickelt wurden, führen zu uns – die Reichsautobahn, die in der Nazizeit gebaut wurde, führt direkt in die Bundesrepublik. // S.R. Der VW-Komplex. // Die Auto-Massenproduktion, die in der Nazizeit fast aus heiterem Himmel in Angriff genommen wurde, hat ihre Früchte in der BRD getragen.

S.R. Ich möchte ganz gerne noch mal insistieren auf der Form der Referenz, die Sie durch Materialien nehmen. Die Gefahr, die lauert, wenn man mit fertigen Objekten, um den Begriff noch einmal zu verwenden, arbeitet, besteht ja darin, dass man seine eigene Position relativiert oder gar keine eigene Position zum Vorschein kommt. Die Form, die Sie entwickelt haben im Kompilationsfilm oder dieser dokumentarischen Form, die Sie beherrschen, die Sie entwickeln, die Position ist ja sehr stark politisch, sie ist ja gesellschaftskritisch, insofern als Sie in einem historischen Verweis oder einem historischen Zitat immer auch einen direkten Bezug zur Gegenwart herstellen, dieser Bezug aber niemals platt einfach genannt wird; d.h. Sie zeigen nicht mit dem Finger auf die Phänomene in der Gegenwart. Wäre es richtig, die als Schluss zu verstehen, als Schluss, den der Betrachter ziehen muss?

H.B. Ja, ganz genau. Natürlich gibt es Verfahrensweisen, in denen man den Betrachtern, den Zuschauern alles wegnimmt, indem man sozusagen den Schluss schon hinstellt, selber, oder eben im Kunstwerk, im Film sich vollziehen lässt. Das ist natürlich etwas, das eine Verarmung des Seherlebnisses zur Folge hat oder des ganzen Prozesses, auch des geistigen, des Denkprozesses, wenn einem alles gesagt wird. Das wiederum ist auch eine politische Haltung natürlich, wenn man seine Zuschauer gewissermaßen einlädt, sich selber die Gedanken zu machen, statt ihnen die Gedanken vorzusetzen. In diesem Verfahren stößt man einen Prozess an, statt ihn abzuschließen – im wörtlichen Sinne abzuschließen. Ich glaube, das hat mit unserem Zeitalter zu tun, dass das notwendig ist.


« Hartmut Bitomsky »