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Hinterbühne III

»Ozarichi, März 1944«, »Megalothymia«, Christian Boltanski »Die Archive der Großeltern«

15. Juni–6. Juli 2017 (Di–Do)

Eröffnung Mittwoch, 14. Juni 2017, 18:30h in Campus Hörsaal 5

Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg, Campus Halle 25


Eröffnung mit Kurzvorträgen und einer Paneldiskussion zu Fragen des kulturellen Gedächtnisses sowie zur Erinnerungskultur und -politik, mit Beiträgen bzw. Beteiligung von Dr. Alexandr Dolgowski (Historiker, Geschichtswerkstatt Leonid Lewin Minsk), Hiltrud Lotze, M.A. (MdB, Berlin/Lüneburg), Prof. Dr. Christoph Rass (Historiker, Universität Osnabrück), Prof. Dr. Ulf Wuggenig (Soziologe, Leuphana) sowie Grußwort des Präsidenten der Leuphana Prof. Dr. Sascha Spoun

»Ozarichi, März 1944« im Kunstraum, Campus Halle 25
»Megalothymia« in Campus, Gebäude 10, Erdgeschoss
Christian Boltanski, »Die Archive der Großeltern« am Campus, Gebäude 7, Keller

Lageplan hier

Ausstellung in drei Räumen und Teilen

»Hinterbühne III« wird organisiert von Ulf Wuggenig, Cornelia Kastelan (UdK Berlin) und Hannes Loichinger mit Unterstützung von Susanna Eremjan, Sophie Peterson, Annika Weinert sowie Studierenden des Masters Kulturwissenschaften, in externer Kooperation mit Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück) und dem Arbeitskreis Gedenkkultur Lüneburg

Wissenschaftliche Grafik und Informationsdesign: Steffen Rudolph und Ulf Wuggenig
Grafikdesign: Sherpa, Hamburg

»Hinterbühne III« setzt die Ausstellungsserie fort, welche Effekte der Militarisierung der Stadt Lüneburg unter Vorzeichen des Nationalsozialismus sowie ihre Wahrnehmung und Verarbeitung in der Erinnerungskultur bzw. im kulturellen Gedächtnis behandelt.

In »Hinterbühne II« wurde bereits Quellenmaterial präsentiert, welches die ortsspezifische »Willkommenskultur« der 1950er Jahre – die Umarmung des 1953 begründeten Traditionsverbandes der im Dezember 1940 für das »Unternehmen Barbarossa« im Raum Lüneburg aufgestellten Infanterie-Division 110 durch die politische und administrative Führung der Stadt Lüneburg – dokumentiert. Die Stadt befand sich zu dieser Zeit unter Führung von Juristen – sie stellten Oberbürgermeister (OB), Oberstadtdirektor und Stadtdirektor –, bei denen es sich zugleich um ehemalige Wehrmachtsoffiziere handelte. Der OB, der das Mega-Event der 1000-Jahr-Feier der Stadt Lüneburg im Jahre 1956 gezielt für die Legitimierung und städtische Anbindung von Traditionsverbänden ehemaliger Wehrmachtseinheiten nutzte, war zugleich lokaler Vorsitzender jener »Deutschen Partei«, aus der in den frühen 1960er Jahren in Bremen in Form einer Parteiabspaltung die NPD hervorgegangen ist, welche sich nunmehr zunehmend in der Alternative für Deutschland (AfD) aufzulösen scheint.

»Hinterbühne III« bietet eine Reihe von Hinweisen und Belegmaterialien, welche weitere partielle Antworten auf folgende Forschungsfrage zu geben erlauben: Wie ist es im Rahmen eines multi-kausalen sozio-kulturellen Modells zu erklären, dass ein Kriegsverbrechen an Zivilist_innen in der Dimension von Ozarichi (Osaritischi) in einer norddeutschen Provinzhauptstadt jenes Landes, das sich seiner kritischen Erinnerungskultur rühmt, ungeachtet der maßgeblichen Tatbeteiligung einer mit ihrem Namen verbundenen Wehrmachtseinheit über einen Zeitraum von nicht weniger als 70 Jahren so gut wie nicht reflektiert bzw. öffentlich diskutiert wurde? Im Verlauf dieses Kriegsverbrechens wurden im März 1944 im heutigen Belarus binnen einer Woche nicht weniger als mindestens 9.000 zuvor in stacheldrahtumzäunten Lagern zusammengetriebene Kinder, Frauen, Greise und Kranke auf perfide Weise – über Erfrieren, Verhungern und Fleckfieber-Infektion – dem Tod ausgesetzt bzw. unmittelbar ermordet, teilweise auch als menschliche Schutzschilder gegen die in ihrer Sommeroffensive des Jahres 1944 anrückende Rote Armee missbraucht.

»Hinterbühne III« nähert sich weiteren Antworten auf diese Frage über die Untersuchung von Art und Ausmaß der institutionellen Abstützung des Veteranenverbandes der an diesem Kriegsverbrechen maßgeblich beteiligten norddeutschen Infanteriedivision (110. ID), ihrer Bemühungen um gesellschaftliche Legitimierung, Verschleierung und Umdeutung der realen Kriegsgeschichte. Dabei wird eine zentrale Instanz des regionalen kulturellen Gedächtnisses und der Konstruktion von Erinnerung – die Landeszeitung für die Lüneburger Heide (LZ) –, die, wie in hochzentrierten regionalen Pressemärkten üblich, über eine starke Position der Meinungsbildung bzw. »Herstellung von Zustimmung« (Gramsci) verfügt, auf inhalts- und diskursanalytischer Grundlage in den Blick genommen. Der analytische Zugang, welcher Presseberichterstattung und -kommentar systematisch sowohl als Datenquelle für die Geschichtsschreibung zu nutzen versucht, als auch dieses Medium in seiner Rolle als Akteur von Erinnerungspolitik bzw. Produzent von Erinnerungskultur betrachtet, stützt sich auf die enorme Ausweitung des gesellschaftlichen »Speichergedächtnisses« im Zuge der voranschreitenden digitalen Transformation der Gesellschaft. Die technologischen Umwälzungen machen mittlerweile selbst die Ausgaben von Regionalzeitungen wie etwa der LZ über größere Zeiträume in digitalisierter Form systematischen quantitativen und qualitativen Analysen zugänglich. Sie werden zunächst in explorativer Form präsentiert, zumal komparatives Material wie die Zeitungskorpora des »Wortauskunftsystem zur Deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart« aus dem linguistischen Big Data DWDS-Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in dem sich noch in seiner ersten Phase befindlichen »Hinterbühne«-Forschungsprojekt erst ansatzweise einbezogen wurden.

Die vorgenommene Big-Data-basierte Analyse der Berichterstattung der LZ über mehr als 70 Jahre (1945–2017) bietet in einem ersten Schritt u.a. Einblicke in das Ausmaß der sei es bewussten, sei es faktischen bzw. naiven Unterstützung von Nachfolgeorganisationen ehemaliger Wehrmachtseinheiten, deren real- und symbolpolitische Strategien seit Gründung in den 1950er Jahren auf gesellschaftliche Verankerung ihrer Mitglieder und Legitimierung ihrer Involvierung in einen verbrecherischen Angriffs- und Vernichtungskrieg zielten. In dieser Hinsicht wird eine Stadt wie Lüneburg mit ihrem Selbstverständnis als Garnisonsstadt als ein exemplarischer Fall von protestantisch geprägter deutscher Provinzmetropole verstanden, in der eine kritische Reflexion der Vergangenheit nicht zuletzt wegen der langjährigen Forschungsschwäche seiner von der britischen Besatzungsmacht mit anti-faschistischer Intention initiierten Hochschule mit ursprünglich rein pädagogischer Ausrichtung erst mit großer Verzögerung einsetzt.

Auf Grundlage der vorgenommenen empirischen Analysen lässt sich ein bemerkenswert enges Zusammenwirken zwischen der Führung von Veteranenverbänden, die sich nach Rückkehr der Kriegsgefangenen aus dem Osten forciert um gesellschaftliche Verankerung, Anerkennung und Rehabilitierung bemühen, politischer und administrativer Führung der Stadt, Repräsentanten der evangelischen Kirche im Traditionsverband ebenso wie in der Stadt Lüneburg, der lokalen Bundeswehr und nicht zuletzt der betrachteten Regionalpresse konstatieren. Deren Position des Chefredakteurs lag bis in die frühen 1980er Jahre in Händen eines ehemaligen Luftwaffenoffiziers der Wehrmacht. In diesem Zusammenhang spielte Komplizenschaft ebenso eine nicht unerhebliche Rolle wie die Wirksamkeit systematischer Desinformation – Fake im engeren Sinn im Gegensatz zu Irrtum – durch führende Vertreter des Traditionsverbandes. Sie lässt sich ebenso in Schriften wie in als Divisionschronik angelegten Vorträgen nachweisen, die teilweise in den repräsentativsten Räumen des Rathauses der Stadt Lüneburg in Anwesenheit ihrer polit-administrativen Führung bzw. von Ratsmitgliedern gehalten werden konnten.

Zu den Merkmalen, welche die regionale Erinnerungskultur im Hinblick auf ehemalige Wehrmachtseinheiten charakterisieren, zählt auch das Phänomen einer nicht-komparativen, im wesentlichen lokal gehaltenen Erinnerung. Weder kam es vor dem Hintergrund einer durch die Perspektive der Täter und ihrer Nachfahren verzerrten Ausrichtung von öffentlicher Erinnerung bzw. Gedenkkultur zu einem Austausch mit jenen Orten, an denen Deportierte sich aufhielten oder heute noch aufhalten – rd. die Hälfte der Betroffenen im Raum Ozarichi befanden sich 1944 noch im Kindesalter –, noch wurden Bilder von Gedächtnisstätten aus dem betroffenen Raum in Belarus präsent gemacht.

»Hinterbühne III« eröffnet deshalb auch visuelle Einblicke in den Ort des Gedenkens, der im Raum Ozarichi im Jahre 1965 – rd. zwei Jahrzehnte nach den Deportationen und Massakern des März 1944 – errichtet wurde. Im Jahre 2004 wurde zudem ein Museum eröffnet, ein »Ort der Erinnerung« an die »Opfer der Todeszonen von Ozarichi«. Bilder im Display »Gespaltene Erinnerung« von »Hinterbühne III« im Ausstellungsteil »Megalothymia« geben Aufschluss über Aspekte des sozialen Gebrauchs dieser Bezugspunkte kollektiver Erinnerung und Identität.

Was das institutionalisierte Gedächtnis an die Infanterie-Division 110 betrifft, stellt sich die Situation in Lüneburg zudem folgendermaßen dar: Im Jahre 1960 wurde in Lüneburg auf Betreiben der Führung des Traditionsverbandes, einer 1953 in Verden begründeten Vereinigung, ohne jegliche Prüfung auf eine mögliche Involvierung dieser Division in schwere Kriegsverbrechen durch jene Juristen, welchen die Führung der Stadt oblag, ein »Ehrenmal« für diese Einheit und ihre »Gefallenen« auf städtischem Grund und Boden innerhalb der ehemaligen Stadtmauern, also in relativer Zentrumsnähe, errichtet. Zugleich wurde dieses – in den Worten des damaligen Oberstadtdirektors – in die »Obhut« der Stadt übernommen. Regelmäßig fanden in Lüneburg von 1960 bis zum letzten Treffen des Veteranenverbandes 1990 in der Lüneburger Scharnhorst-Kaserne, welche damals noch Bundeswehreinheiten beherbergte, Erinnerungsrituale vor dem errichteten Ehrenmal statt. Auf diesem Stein, welcher nicht als Bezugspunkt privater, sondern öffentlicher Erinnerung aufgestellt worden war, findet sich bis heute folgendes, vielsagendes »Epigram«: »Es sage niemand, dass unsere Gefallenen tot sind«. Von seinen Verteidigern wird diese Bekundung einer ex-Wehrmachtseinheit auf einem Ehrenmal im öffentlichen Raum, das nicht für private, sondern für öffentliche Erinnerung angelegt wurde, als eine mit der Meinungsfreiheit vereinbare Äußerung verteidigt. Ein kleinerer »Gedenkstein« der 110. ID, gleichfalls aus dem Jahre 1960, wurde ungeachtet des 1982 in modifizierter Form verankerten Traditionserlasses der Bundeswehr, der den Bruch mit allen in die Wehrmacht zurück führenden Traditionslinien festschrieb, bis 1992 unkommentiert in einem Ehrenhain der von der Bundeswehr bis 1993 benutzten Scharnhorst-Kaserne gepflegt. Das in dieser Kaserne angesiedelte Feldartillerie-Bataillon 31 der Bundeswehr unterhielt seit den frühen 1980er Jahren ein besonders inniges Verhältnis zum Traditionsverband der ehemaligen 110. ID, stellte z.B. Ehrenposten bzw. Ehrenwachen zu den regelmäßigen Treffen der Veteranen bei deren Ehrenmal Am Graalwall bereit.

Vor Einzug der Universität in die 1935 und 1936 errichtete Anlage wurde dieser Stein dann in einen der Ehrenhaine der Theodor Körner Kaserne der Bundeswehr transferiert, ex-Fliegerhorst der Wehrmacht. Diese Gedenkstein-Platzierung wurde bereits in »Hinterbühne II« visuell dokumentiert.

Eine Tafel in der Nähe des Lüneburger Ehrenmals der ID 110 verweist auf die »Kesselschlacht von Minsk« und an das damit verbundene »Kriegstrauma« der Soldaten der Infanterie-Division 110, die gemeinsam mit zahlreichen anderen Einheiten in diesen Kessel geraten waren. Es handelt sich dabei in der Tat um eine der verlustreichsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs, eingebunden in die in Weißrussland eröffnete Sommeroffensive des Jahres 1944 der Roten Armee, die »Operation Bagration«. Erinnert wird somit an Folgen jenes Kriegsgeschehens, welches – ungeachtet Stalingrads – aus militärhistorischer Perspektive letztlich als insgesamt größte und konsequenzreichste Niederlage der deutschen Militärgeschichte gilt, für die in Lüneburg aufgestellten Soldaten aus dem norddeutschen Raum.

Ebenso wenig wie in der im Lüneburger Rathaus zum Verkauf angebotenen Broschüre des sog. Lüneburger »Friedenspfades«, in welcher aus täterempathischer Perspektive gleichfalls an das Trauma von Minsk erinnert wird, finden sich auf der Tafel Verweise darauf, was der Name der Stadt Minsk in Zusammenhang mit dem zweiten Weltkrieg gleichfalls symbolisiert. So wurden im Rahmen der Bombardierung von Minsk durch die deutsche Luftwaffe im Jahre 1941 zu Beginn des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion nicht weniger als rd. 80% des Häuserbestandes dieser Stadt zerstört. Und die weißrussische Hauptstadt Minsk steht auch für die massenhafte Verfolgung von Juden, die in der Stadt lebten bzw. in die sie aus dem Deutschen Reich deportiert wurden, in brutalster Form. Bereits drei Wochen nach der Besetzung von Minsk durch die Wehrmacht im Juni 1941 wurde durch die deutsche Militärverwaltung ein Ghetto für die etwa 80.000 in Minsk lebenden Juden errichtet. Ab November 1941 trafen dann Transporte mit Juden aus dem heutigen Deutschland, aus Österreich, insbesondere Wien, sowie aus Böhmen und Mähren in Minsk ein. Das 12 Kilometer südöstlich von Minsk gelegene Dorf Malyj Trostenez wurde 1942 zum Ort der größten nationalsozialistischen Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion. In Malyj Trostenez wurden vor allem Juden, Partisanen, politische Häftlinge und weißrussische Zivilisten ermordet. Die Juden stammten sowohl aus dem Minsker Ghetto als auch aus Deportationen aus dem Deutschen Reich nach Minsk oder unmittelbar nach Malyi Trostenez. Die Zahl der Ermordeten von Malyi Trostenez ist bei mindestens 60.000 anzusetzen. Vor der Flucht von Wehrmacht und SS vor der herannahenden Roten Armee wurde in Malyj Trostenez noch eine letzte Mordaktion realisiert: Vom 28. bis 30. Juni 1944 wurden die letzten Zwangsarbeiter von Malyj Trostenez sowie mehrere Tausend Häftlinge von Gefängnissen in Minsk in einer Scheune erschossen. Als sich 6.500 Leichen in der Scheune stapelten, wurde das Gebäude mitsamt der Leichen niedergebrannt. Drei Tage später erreichte die Rote Armee den Ort.

Eine in »Hinterbühne III« präsentierte Lagekarte aus der Endphase der »Operation Bagration« weist für 29. Juni bis 3. Juli 1944 die Standorte der 110. Infanterie-Division in unmittelbarer Nähe der Todeszone von Malyi Trostenez aus. Am 7. Juli 1944 wurde die Einheit von ihrem letzten Kommandeur, Generalleutnant Eberhard von Kurowski, später im Prozeß von Gomel als Kriegsverbrecher verurteilt, schließlich jedoch nicht südöstlich, sondern südwestlich von Minsk aufgelöst.

Als ein weiteres Phänomen von Erinnerungskultur und -politik in Lüneburg erscheint erwähnenswert, dass der visuelle symbolische Protest gegen das Ehrenmal der 110. Infanterie-Division des ersten Halbjahres 2017 in Lüneburg für die Regionalpresse selbst dann keinen hinreichenden Nachrichtenwert aufwies, als ein Polizeieinsatz dazu erfolgte. Mittlerweile kam es in 2017 bereits zu drei Interventionen gegen das Ehrenmal der 110. ID am Graalwall – zu zwei Verhüllungen des Steins und zu einer Überklebung der erläuternden Tafel des sog. »Friedenspfades« mit einem alternativen Text. Sie stehen in der Protestlinie, ausgelöst durch die Art der Berücksichtigung dieses Denkmals im sog. »Friedenspfad« seit 2014, in einer zweiten Welle erneuert, als Nebenkläger des Lüneburger Auschwitz Prozesses von 2015 der unmittelbaren räumlichen Nähe des Gebäudes der Verhandlungen – der Ritterakademie – zum Ehrenmal der 110. ID gewahr wurden.

Verfügbar gemachte fotografische Dokumentationen der Interventionen I und II wurden in »Hinterbühne II« an eine Wand des Kunstraums projiziert. Ein Bild der Intervention III vom 24.5.2017 an der Tafel Am Springintgut wird in »Hinterbühne III« nun zusätzlich projiziert. Im Sinne der Bewahrung kritischer bzw. aktivistischer Aspekte der Erinnerungspolitik für das kulturelle Gedächtnis werden sie in den auf die Ausstellung »Hinterbühne« folgenden Publikationen aus dem universitären Kontext dokumentiert.

Eröffnungsveranstaltung 14.6., 18.30h

»Hinterbühne III« wird im Hörsaal 5 der Leuphana mit Kurz- bzw. Impulsvorträgen vor einer Podiumsdiskussion eröffnet, die in ihrem weiteren Verlauf für das Publikum geöffnet wird.

Für einen Kurzvortrag, welcher die Erinnerungskultur in Belarus beleuchtet, wurde der an der Geschichtswerkstatt Leonid Lewin in Minsk, Belarus tätige Dr. Alexandr Dolgowski eingeladen. Bei der Geschichtswerkstatt Leonard Lewin Minsk handelt es sich um ein belarussisch-deutsches Projekt. Dieses wurde im Jahre 2002 durch das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund, die Internationale Bildungs- und Begegnungsstätte »Johannes Rau« Minsk und den Verband der belarussischen jüdischen Organisationen und Gemeinden ins Leben gerufen. Die Geschichtswerkstatt wurde in einem Gebäude auf dem Gelände des ehemaligen Minsker Ghettos situiert. Alexander Dolgowski, als Historiker Spezialist u.a. für Malyi Trostenez, wird auch die sich speziell auf Ozarichi 1944 beziehende Erinnerungskultur und -politik in Belarus thematisieren.

Hiltrud Lotze, M. A., Absolventin der Angewandten Kulturwissenschaften der Universität Lüneburg des Jahres 1995, ist seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages. Als Abgeordnete der SPD vertritt sie den großen Wahlkreis Lüchow-Dannenberg und Lüneburg. Ihre Mitgliedschaft und Tätigkeit u.a. im Stiftungsrat der Stiftung »Flucht, Vertreibung, Versöhnung« in Berlin, im Kuratorium der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« sowie im »Ausschuss für Kultur und Medien« im Bundestag weisen sie als Politikerin aus, die intensiv mit Fragen von Erinnerungskultur und -politik befasst ist. Das Themenfeld »Gedenken und Erinnern« bildet etwa den Schwerpunkt ihrer Arbeit im Kulturausschuss des Bundestags, wo sie auch als Berichterstatterin fungiert. Seit 2016 ist sie zudem Mitglied des »Kultur- und Partnerschaftsausschuss« der Hansestadt Lüneburg.

Einen soziologischen und medienwissenschaftlichen Zugang hat Ulf Wuggenig, gemeinsam mit Prof. Dr. Susanne Leeb Leiter des Kunstraums der Leuphana, für seinen Beitrag gewählt. Auf inhalts- und diskursanalytischer Basis untersucht er unter Nutzung des digitalen Archivs der Landeszeitung für die Lüneburger Heide Grundlagen für die »Herstellung von Zustimmung« (Gramsci) für die erfolgreichen Bemühungen des Traditionsverbandes der 110. Infanterie-Division, das Gedenken an diese Wehrmachtseinheit in Lüneburg in einer Weise zu verankern, welche deren maßgebliche Beteiligung am Kriegsverbrechen in Ozarichi im März 1944 ausklammerte bzw. verschleierte.

Dr. Christoph Rass, Professor für Neueste Geschichte und Migrationsforschung an der Universität Osnabrück, Mitglied der Historischen Kommission Niedersachsen, Autor des Standardwerks auf dem Gebiet der Erforschung des Kriegsverbrechens von Ozarichi –»Menschenmaterial«: Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision 1939–1945 (Paderborn 2003) – und Verfasser eines Gutachtens zu Art und Umfang der Beteiligung der 110. Infanterie-Division (März 2017) an diesem, wird diesmal keinen eigenen Vortrag halten, sondern die Beiträge von Alexander Dolgowski und Ulf Wuggenig kommentieren.

Die Podiumsdiskussion wird sich insgesamt Fragen des angemessenen Umgangs mit der Vergangenheit vor dem Hintergrund aktueller Diskurse und Stellungnahmen im politischen, militärischen und intellektuellen Feld widmen. So kamen einerseits Forderungen revisionistischer Art nach einer erinnerungspolitischen 180 Grad Wende an dem auch in Deutschland erstarkten rechten Rand des politischen Feldes auf. Andererseits lösten sich häufende mit der Bundeswehr als Berufsarmee verbundene skandalöse Ereignisse im Mai 2017 Forderungen aus, den »Traditionserlass« für die Bundeswehr aus dem Jahre 1982, welcher die Traditionslinie zur Wehrmacht kappte, nicht nur tatsächlich ernst zu nehmen, sondern im Sinne einer Präzisierung bzw. Verschärfung noch in der laufenden Legislaturperiode zu erneuern. Erste Interventionen im Mai 2017 in Einrichtungen der Bundeswehr stießen, wie an Reaktionen in alten ebenso wie in sozialen Medien ablesbar, auf ein erstaunlich starkes Maß an Gegenwehr.

Text: Ulf Wuggenig