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Hinterbühne I

»Ozarichi, März 1944«, »Megalothymia«, Christian Boltanski »Die Archive der Großeltern«

9. März–20. April 2017 (Di–Do, 14–18h)

Eröffnung 8. März 2017, 19h

Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg, Campus Halle 25


Eröffnung »Hinterbühne I« am Mittwoch, 8. März 2017, 19h in Hörsaal 5 mit Beiträgen von Karin Rebbert, M.A. (Kulturwissenschaftlerin, Berlin), Prof. Dr. Christoph Rass (Historiker, Universität Osnabrück), Prof. (apl.) Dr. Ulf Wuggenig (Soziologe, Leuphana) sowie dem Präsidenten der Leuphana Universität, Prof. (HSG) Dr. Sascha Spoun und Filmvorführung »Ozarichi 1944 – Spuren eines Kriegsverbrechens« von Christoph Rass u.a., 2006, sowie Filmaufnahmen der Roten Armee über die Befreiung der Lager 1944, Kunstraum, Campus Halle 25, 20.30h.

»Ozarichi, März 1944« in UC, Halle 25
»Megalothymia« in UC, Gebäude 10, Erdgeschoss
Christian Boltanski, »Die Archive der Großeltern« in UC, Gebäude 7, Keller
Lageplan hier

Ausstellung in drei Teilen und drei Phasen, »Hinterbühne I« in externer Kooperation mit Prof. Dr. Christoph Rass (Historisches Seminar, Universität Osnabrück) für »Ozarichi, März 1994«, Dr. des Marina Gerber (Queen Mary University of London) und Anneke de Rudder, M.A. (Museum Lüneburg), sowie interner Kooperation mit Dr. Christoph Behnke, Steven Brieger, M.A. (IOC), Dr. Nicole Stöcklmayr (MECS), Dr. Laura López Paniagua und Studierenden des Seminars »Die Illusion des Gedächtnisses«, Ausstellung organisiert von Prof. (apl.) Dr. Ulf Wuggenig in Zusammenarbeit mit Cornelia Kastelan, M.A. (alle Leuphana)

Geschichte, Erinnerungskultur und Erinnerungspolitik

Im Jahre 1905 formulierte George Santayana, spanischer Immigrant in den USA: »Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.«[1] Der Aphorismus des Philosophen wurde zu einem Leitgedanken reflexiver Erinnerungskultur, aufgegriffen auch in den deutschsprachigen Kulturwissenschaften.

Santayana mag die kolonialistische Gewalt des 16. Jahrhunderts und den europäischen Imperialismus des 19. Jahrhunderts vor Augen gehabt haben, doch die Erfahrung des 20. Jahrhunderts mit seinen ausufernden Spielarten kultureller, struktureller und direkter Gewalt,[2] die sich auch neuer Mittel und Technologien bediente, wie u.a. der Vernichtungslager, der industrialisierten Tötung oder der strategischen Bombardierung, stand weitgehend noch bevor.

Ein geschichtsphilosophischer Zugang wie der von Santayana sieht sich heute mit Vorstellungen der neuen oder »alternativen« Rechten konfrontiert, etwa mit denen des vom Journalisten und Filmemacher zum Präsidentenberater aufgestiegenen Stephen Bannon. Für ihn stellt sich Geschichte als ewige Wiederkehr des Gleichen dar, formuliert im Twitter-Stil der sozialen Medien: »In history, there are four turnings. The crisis. The high. The awakening. The unravelling. History repeats itself.«[3]

Einschätzungen, die weder einem zyklischen, noch einem derart deterministischen Geschichtsverständnis verhaftet sind, laufen heute oftmals auf die Befürchtung hinaus, dass sich auch in Deutschland soziale Strömungen dieser Art verbreiten und damit Entwicklungen aus den 1930er Jahren in mutierter Gestalt wiederholen könnten. Wie im November 2016 im Zuge des Workshops »Erinnerungskultur – Erinnerungspolitik. Der Campus, seine militärische Vergangenheit in den 1930er/1940er Jahren und adäquate Formen der Erinnerung vor dem Hintergrund von Rechtspopulismus und neo-faschistischen Tendenzen« mit u.a. Michaela Melián und Christoph Schäfer (beide Hamburg) angekündigt, initiiert der Kunstraum nun vor dem Hintergrund einer unübersehbaren Geschichtsblindheit am lokalen Campus einen erinnerungskulturellen bzw. -politischen Diskurs. Nach dem Auftakt-Workshop des vergangenen Jahres wird dieser Diskurs im März 2017 zunächst mit der Ausstellung »Hinterbühne I« fortgesetzt. Darauf aufbauend folgt ihr im April 2017 aus Anlass des 80. Jahrestages der Bombardierung von Guernica/Gernika »Hinterbühne II«.

Diese über Picassos Anti-Kriegsikone im kulturellen Gedächtnis weltweit verankerte deutsch-italienische militärische Intervention im Spanischen Bürgerkrieg ist auch mit Lüneburg verbunden. Auf operationaler Ebene ist sie von Dr. Ing. Wolfram von Richthofen verantwortet, mit Familie »Lüneburger Bürger auf Zeit« der Jahre 1938–1945. Von Richthofen war zunächst Stabschef, dann Kommandeur der völkerrechtswidrig konstituierten deutschen Legion Condor. Die Stadt ehrte ihn nach »siegreicher« Rückkehr im Jahr 1939, indem sie eine große Straße, die den 1937 vor Ort etablierten Fliegerhorst tangierte, aus dem später eine denkmalgeschützte Bundeswehrkaserne geworden ist, in Legion-Condor-Strasse umbenannte. Zahlreiche Soldaten der auf der Basis der Legion Condor aufgestellten lokalen Luftwaffeneinheit (»Löwengeschwader« KG 257, später KG 26) sammelten ihre erste Kampferfahrung in Spanien. Im selben Jahr 1939 trat der schlesische Aristokrat in Lüneburg als ein damals (wie bis zu seinem Lebensende 1945) von Hitler voll und ganz überzeugter Offizier vor einem rund 30.000 begeisterte Menschen umfassenden Publikum gemeinsam mit den führenden lokalen Repräsentanten der NSDAP auf. Lüneburg, 1937 zur Gauhauptstadt von Ost-Hannover aufgestiegen, richtete damals einen Gautag aus.

Der Begriff Hinterbühne schließt an Erving Goffman an, der mit der metaphorischen Unterscheidung von Vorder- und Hinterbühne in der sozialen Eindrucksbildung die als vorzeigbar erachteten Dimensionen menschlichen Lebens von solchen trennt, die im Verborgenen gehalten werden. Es handelt sich bei Hinterbühnen somit um Orte, zu denen einem Publikum der Zutritt oder Einblick vorenthalten wird. Das Konzept der Hinterbühne zielt jedoch nicht nur auf Orte, sondern auch auf Artefakte und Akteure, die im Hinblick auf alle oder auch nur spezielle Merkmale abgeschirmt werden: Auf Formen der (Selbst-)Darstellung bzw. Identitätskonstruktion, die mit Strategien der Verheimlichung, Verfälschung, Verdeckung und Verwischung von Spuren einhergehen oder die sich auf Desinformation und die Konstruktion von fiktiven Tatbeständen stützen. Goffmans Unterscheidung von Vorder- und Hinterbühne lässt sich ebenso auf die Mikroebene handelnder Individuen beziehen wie auf die Meso- oder Makroebene kollektiver Akteure wie es etwa Verbände, Institutionen, Städte oder Nationen sind.

Christian Boltanski, »Die Archive der Großeltern«

Hinterbühnen(strategien) sind für militärische Felder, auf welche die Ausstellung in ihren Teilen »Megalothymia« und »Ozarichi, März 1944« zielt, zweifellos von noch größerer Bedeutung als für politische oder künstlerische. »Die Archive der Großeltern«, eine Arbeit von Christian Boltanski, die 1996 auf der Hinterbühne der Universität, im Keller des Rechenzentrums installiert wurde und im Rahmen der Ausstellung erneut zugänglich gemacht wird, verdeutlicht, dass Goffmans Bezugsrahmen auch ohne weiteres auf die Produktion, die Interpretation und den sozialen Gebrauch von künstlerischen Praktiken bezogen werden kann. Die Künstlerin Laura Lopéz Paniagua, die an dem die Ausstellung vorbereitenden Seminar »Die Illusion des Gedächtnisses« ebenso beteiligt war wie Alumni der Boltanski-Projektgruppe von 1995/1996 (Saskia Drechsel, Gesine Märkl und Jens Krämer), hat zu Boltanskis Installation einen Essay verfasst, der ihre Präsentation begleitet und in gedruckter Form ausliegt.[4]

Während der in der Außenwelt vielleicht berühmteste ehemalige Bürger Lüneburgs, der Systemtheoretiker Niklas Luhmann, betont, dass die »Hauptfunktion des Gedächtnisses (...) im ›Vergessen‹, im Verhindern der Selbstblockierung des Systems durch ein Gerinnen der Resultate früherer Beobachtungen« liege,[5] schließt »Hinterbühne« in erinnerungstheoretischer und -politischer Hinsicht an solche Ansätze an, die, wie der Santayanas, in Zusammenhang mit dem Gedächtnis nicht die Funktion des Vergessens, sondern vielmehr die Rolle der Erinnerung betonen. In soziologischer Hinsicht wiederum fungiert neben Goffmans Dramaturgie auch die kritische Soziologie von Pierre Bourdieu als ein Bezugspunkt des erinnerungskulturellen und -politischen Diskurses, wie ihn der Kunstraum betreibt: »Die Aufgabe der Soziologie, wie aller Wissenschaften, ist es, Verborgenes zu enthüllen.«[6]

»Megalothymia«, Speichergedächtnis und kommunikatives Gedächtnis

»Megalothymia« widmet sich mit ortsspezifischer Ausrichtung dem politischen und militärischen Feld der 1930er und 1940er Jahre, in »Hinterbühne II« speziell auch Wolfram von Richthofen, einem der masterminds von Aufbau und Einsatz der Luftwaffe der Wehrmacht sowie der Weichenstellung in Richtung des Baus von Raketen und cruise missiles. Außerdem wird ein Blick auf die lokale Erinnerungskultur und –politik mit neuen Mitteln geworfen Die dabei angelegte Perspektive ist keine künstlerische, sondern eine karto- und faktografische, auf methodischer Ebene teilweise den digital humanities, dem »distant reading« (Franco Moretti) und den visual studies verpflichtet. So verfolgt dieser Ausstellungsteil u.a. systematisch und über einen Zeitraum von 70 Jahren relevante Momente des auf das militärische Feld bezogenen lokalen kulturellen Gedächtnisses und erlaubt erstmals Einblicke in seine Dynamiken. Analysen dieser Art waren möglich, weil sich angesichts der Zugänglichkeit des digitalen Archivs des zentralen hiesigen Presseorgans, der Landeszeitung für die Lüneburger Heide, die Recherchen auf mittlerweile nahezu 600.000 digitalisierte Seiten dieser Zeitung (und ihrer Vorläuferin Lüneburger Post) von Anfang 1946 bis 2016 beziehen konnten. Im Vergleich zur Quellenlage über das militärische Feld rund 10 Jahre zuvor, als der Kunstraum im Rahmen der Projekte »Moirés« (mit Andreas Fogarasi, Urtica und Astrid Wege) und »The University in the Civil Society of the 21st Century – Architectural, Artistic and Field-theoretical Aspects« (mit Daniel Libeskind) erstmals den in der eigenen Universität vernachlässigten militärhistorischen Fragestellungen nachging,[7] wurden Implikationen der digitalen Transformation überaus deutlich. Das exponentielle Wachstum des »Speichergedächtnisses« verändert das »kulturelle Gedächtnis« (Jan und Aleida Assmann) auf ebenso fundamentale Weise wie die Möglichkeiten für kultur- und sozialwissenschaftliche, aber auch künstlerische Forschung.

Der in beiden Fällen gewählte Ausstellungssubtitel »Megalothymia« reagiert nicht zuletzt auf die Diagnose der »thymotischen Unterversorgung« der deutschen Gesellschaft durch einen an der Kunsthochschule Karlsruhe tätigen Parteiphilosophen. Diese Zeitdiagnose beklagt die Marginalisierung der »Seelenfakultät« (Plato) des Thymos gegenüber den Fakultäten von Logos und Eros, ein angeblich zu geringes Mass an Zorn, Empörung und Wehrhaftigkeit in der deutschen Gesellschaft, mit anderen Worten, ein zu niedriges »thymotisches level«.[8]

»Megalothymia« ist ein Neologismus, der nicht aus diesen neurechten Kreisen stammt. Er wurde von Francis Fukuyama geprägt, in kritischer Wendung gegen die Verherrlichung von thymos und »Herrenmoral«. »Es ist offenkundig« schreibt Fukuyama, »dass ›Megalothymia‹ im politischen Leben eine höchst problematische Leidenschaft ist.«[9]

In der traditionellen Aristokratie, nicht zuletzt im preussischen Junkertum, repräsentierte sich die soziale Verkörperung der »Megalothymia« idealtypisch als kriegerische männliche Haltung, als »Herrenmenschentum«, das ein Selbstverständnis als »Herren-Rasse« umfasst und jene »Herrenmoral« repräsentiert, die, wie Nietzsche schrieb, »mit Lust Strenge und Härte gegen sich übt und Ehrerbietung vor allem Strengen und Harten hat.«[10] In der nationalsozialistischen Interpretation von Nietzsche oder auch Spengler stellt der »megalothymische Herrenmensch« das Gegenstück zu jenem »Untermenschen« dar, dessen biologisch oder kulturell behauptete Minderwertigkeit es legitim erscheinen lässt, einen Vernichtungskrieg auf rassistischer oder politischer Grundlage zu führen und über Leben und Tod von ganzen Völkern und sozialen Gruppen zu entscheiden.

Als fruchtbar erwies sich zudem im Bereich des kommunikativen Gedächtnisses die Einbindung in den lokalen »Arbeitskreis Gedenkkultur«, in dessen Rahmen ein Austausch von Vertreter_innen des Kunstraums (Cornelia Kastelan, Ulf Wuggenig) mit solchen der VVN-BdA Lüneburg, des AStA und der Fachschaft Kulturwissenschaften der Leuphana Universität, des Museums Lüneburg sowie an Erinnerungs- bzw. Denkmalkultur interessierten Mitgliedern der Fakultät Kulturwissenschaften erfolgte. Im Zuge dessen konnten eine Reihe neuer Einsichten gewonnen werden, nicht zuletzt über die in Lüneburg 1940 aufgestellte, teilweise in der – mittlerweile in die Universität »konvertierten« – Scharnhorstkaserne stationierte Infanteriedivision 110 und deren in der regionalen Erinnerungskultur so gut wie unbeachtet gebliebenen Involvierung in Kriegsverbrechen ungeheuren Ausmaßes im Raum Ozarichi in Weißrussland 1944.

Das »Löwengeschwader« und Łódź

Zur Gewinnung neuer Einsichten trugen schließlich auch zwei Besuche – einer mit dem AK Gedenkkultur, einer mit dem Seminar »Die Illusion des Gedächtnisses« (Laura López Paniagua und Ulf Wuggenig) sowie Gästen wie dem Kunsthistoriker Wolfgang Kemp und der Architektin Nicole Stöcklmayr – der einzigen der drei von den Nationalsozialisten in den 1930er Jahren in Lüneburg errichteten Kasernen bei, die heute noch von der Bundeswehr genutzt wird.

Bei dieser unter Denkmalschutz gestellten Einrichtung, die seit 1964 den Namen Theodor-Körner-Kaserne trägt, handelt es sich um den seit 1935 aufgebauten und 1937 mit Kampfflugzeugen gefüllten Lüneburger Fliegerhorst. Hier war nicht nur der spätere Generalfeldmarschall Wolfram von Richthofen tätig, als er 1938 ein halbes Jahr lang als Kommodore des Kampfgeschwaders (KG) 257 (später KG 26), des »Löwengeschwaders«, fungierte. Zu den dort Dienst versehenden Personen zählte ab April 1943 auch Niklas Luhmann, bei seiner Rekrutierung 15-jährig und Schüler des Lüneburger Gymnasiums Johanneum,[11] der – bei beständigem Wechsel der Einsatzorte (Lüneburg, Rotenburg, Stade) – in diesen Fliegerhorst als Luftwaffenhelfer eingezogen wurde.

Von Anfang an war die in Lüneburg aufgestellte II. Gruppe des »Löwengeschwaders« KG 257 (KG 26) am Polenfeldzug beteiligt. Es zählt zu den überraschenden neuen Erkenntnissen der im Kunstraum im Rahmen des Seminarkontextes von »Die Illusion des Gedächtnisses« vorgenommenen Recherchen, dass es in einer geradezu unheimlichen Koinzidenz auch die Lüneburger Gruppe dieses Kampfgeschwaders war, die in den ersten Tagen des Beginns des Zweiten Weltkriegs und des Überfalls auf Polen am 3. September 1939 den Auftrag erhielt, im Raum der Stadt Łódź, der späteren Geburtsstadt von Daniel Libeskind, Bombardierungen vorzunehmen. Die Bombardierungen von Bahnhofsanlagen durch die II. Gruppe wurden realisiert, die des Flugplatzes am gleichen Tag wieder abgeblasen, am 4. September jedoch durch die I. Gruppe umgesetzt. Am selben Tag eliminierte sich die 5. Staffel der II. Gruppe des KG 26, die sich unmittelbar vor einem Einsatz auf Łódź befand, in einem »Big Bang« weitgehend selbst, als eigene Bomben am Fliegerhorst Gabbert (seit 1945 Jaworze) explodierten, zwei Maschinen vernichteten sowie sieben beschädigten. Das Geschwader zählte damit zugleich die ersten Kriegstoten.[12]

Heute ist die auf dem ehemaligen Fliegerhorst eingerichtete Kaserne in erinnerungskultureller und -politischer Hinsicht nicht zuletzt deshalb von Interesse, weil sie neben einem in besonderem Maß umstrittenen Denkmal dieses »Löwengeschwaders« auch zahlreiche Gedenksteine verschiedener militärischer Einheiten beherbergt, wobei es sich nicht selten um mit totemistisch anmutenden Emblemen versehene Findlinge handelt, die im Halbkreis angeordnet wurden. Darunter findet sich auch ein Gedenkstein der Infanteriedivision 110 (»Wikingerdivision«), der vom früheren Ehrenhain im Eingangsbereich der in die Universität verwandelten Scharnhorstkaserne in den ehemaligen Fliegerhorst transferiert wurde.

»Ozarichi, März 1944«

Wie auf dem November-Workshop des Kunstraums angekündigt, zählt es auch zu den Zielen der erinnerungskulturellen und –politischen Initiative, Austausch und Kooperation mit namhaften Militärhistorikern einzuleiten. Angesichts der historischen Verbindung der ID 110, der einzigen Infanterie-Wehrmachtsdivision, die spezifisch in Lüneburg aufgestellt wurde, mit der Stadt und der Scharnhorstkaserne, in welche Daniel Libeskind mit einem Bau, der am 11. März 2017 eröffnet wird, architektonisch in massiver Weise intervenierte, fiel die Wahl auf den Historiker Christoph Rass, Prof. für Neueste Zeitgeschichte und Historische Migrationsforschung an der Universität Osnabrück. Er zeigte sich für eine Zusammenarbeit sogleich offen und stellte sein Forschungsmaterial in großzügiger Weise zur Verfügung. Er arbeitete zwar nicht spezifisch zur ID 110 – eine in Details gehende wissenschaftliche Aufarbeitung ihrer Rolle im »Unternehmen Barbarossa« und in Zusammenhang mit den Kriegsverbrechen in Weißrussland im Speziellen steht im Gegensatz zu der anderer Einheiten der 9. Armee wie der ID 35 oder ID 253 noch aus und wäre in den nächsten Jahren noch zu leisten. Er forschte jedoch intensiv zum Kriegsverbrechen im Raum Ozarichi (auch Osaritischi). Zu diesem Massaker, das mit Deportationen am 11. März 1944 begann und sich binnen einer Woche abspielte, schreibt er in seiner Dissertation:

»Am 19. März 1944 fanden Einheiten der Roten Armee im Umland der Ortschaft Osaritschi, 75 km südlich der Stadt Bobruisk, drei Lager, die aus mit Stacheldraht umzäunten Arealen ohne Gebäude oder sanitäre Einrichtungen bestanden. In diesen Lagern fanden sie mehr als 33.000 überlebende Zivilisten, in der Mehrzahl alte Menschen, Kranke und Mütter mit Kleinkindern sowie etwa 9.000 Tote vor. Es handelte sich um arbeitsunfähige Zivilisten, die für die Wehrmacht nicht mehr von Nutzen sein konnten. Vor dem Hintergrund der militärischen Lage, der Situation in den rückwärtigen Gebieten der Heeresgruppe Mitte und als Konsequenz der bereits vor diesem Zeitpunkt praktizierten Versklavung der arbeitsfähigen Bevölkerung sowie der Deportation von Arbeitsunfähigen, hatte die 9. Armee eine radikale Lösung für das von ihr selbst verursachte Problem gewählt: die Deportation abhängiger Familienmitglieder, die sich nach der Zwangsrekrutierung der Arbeitskräfte nicht mehr selbst versorgen konnten in eigens zu diesem Zweck errichtete Lager im Niemandsland zwischen der deutschen und der sowjetischen Hauptkampflinie. Die Befreiung der Überlebenden markiert den Endpunkt dieses von der 9. Armee der Wehrmacht im März 1944 begangenen Kriegsverbrechens, dessen Strukturen und Dimension exemplarisch deutlich werden lassen, wie tief völkerrechtswidrige Kriegshandlungen durch die Feldeinheiten der Wehrmacht in das Handlungsrepertoire der deutschen Kriegführung integriert waren.«[13]

Erstmals unter Einbeziehung des Großteils der Aktenüberlieferung in deutschen Militärarchiven untersuchte Christoph Rass aus sozial- und militärhistorischer Perspektive die Vorgänge in Ozarichi. Seine Darstellung bestimmt die »Anatomie« eines der größten Kriegsverbrechen der Wehrmacht an der Ostfront als Summe vieler zentral geplanter und aufeinander bezogener Einzelhandlungen aus denen erst eine komplexe verbrecherische Operation entstehen kann. Auf dieser Grundlage entstand 2006 ein unveröffentlichter Dokumentarfilm von Christoph Rass et al., der die Quellenbasis um neue Interviews mit Zeitzeugen und weitere Aktenfunde ergänzt und das Verbrechen erstmals umfassend dokumentiert.[14] Dieser Film wird im Rahmen der Ausstellung im Kunstraum gezeigt, ergänzt um Filme, welche die Rote Armee herstellte, als sie im März 1944 die Lager befreite.

Von Interesse im Rahmen einer reflexiven Erinnerungskultur erschien zunächst die mit dem Namen von Lüneburg verbundene ID 110, die zur fraglichen Zeit eingebunden in das 56. Panzerkorps und die 9. Armee bzw. die Heeresgruppe Mitte agierte, weil die Stadt Lüneburg nicht nur Aufstellungsort dieser Einheit, sondern auch eines Denkmals der »Wikingerdivision« ist und der ehemalige Fliegerhorst als heutige Bundeswehrkaserne den Ort des mit dem Wikingersymbol dieser Einheit versehenen Gedenksteins abgibt. Lüneburg blieb nach dem Krieg Zentrum der Treffen von überlebenden Veteranen dieser Division. Sie wurden etwa anlässlich der 1000 Jahr Feier vom März 1956 von der Stadt freudig begrüsst. Zentrumsnah, in der Nähe der Kreuzung von Am Graalwall und Am Springintgut bzw. der »Ritterakademie« gelegen, wurde auf Initiative von Mitgliedern des Traditionsverbandes der ehemaligen ID 110 (Oberst a. D. Metger, Adjutant a. D. Kurt Esdorn), unterstützt durch die politische und administrative Führung der Stadt Lüneburg, ein Gefallenendenkmal in Lüneburg errichtet und am 9. Oktober 1960 eingeweiht. Das schwere Kriegsverbrechen von Ozarichi im März 1944 war dabei ebenso wenig ein Thema wie in der 1965 von Ernst Beyersdorff veröffentlichten Divisionschronik[15] – ein Fall von Goffmanscher Täuschung über ein Identitätsmerkmal im Interesse von Legitimität und Erzeugung eines akzeptablen Eindrucks.

Ein Bewusstsein über diese Einheit und ihr Denkmal in der Stadt kam jenseits von Veteranenkreisen und regelmässigen, wenn auch seltenen, Berichten über entsprechende Treffen in der lokalen Zeitung erst in Zusammenhang mit den von VVN-BdA Lüneburg angestossenen Diskussionen um den »Friedenspfad« im Jahre 2014 auf.[16] Es folgten auch Interventionen von Besucher_innen des Lüneburger und des Detmolder Auschwitz Prozesses des Jahres 2015.[17] Breitere erinnerungskulturelle bzw. -politische Resonanz in Lüneburg oder der Region wurde damit jedoch nicht erzielt, im Gegensatz etwa zu Karlsruhe, wo das Stadtarchiv zur dortigen an Ozarichi beteiligten ID 35 wissenschaftlich publizierte.[18] Auch in der lokalen Zeitung erschien lediglich ein Beitrag von minimalem Umfang, im dem die Position von VVN-BdA ohne eigene Stellungnahme wiedergegeben wurde.[19]

Über die Dokumentarfilme von Christoph Rass sowie der Roten Armee hinaus werden in der Ausstellung Belege über das Kriegsverbrechen in Form historischer Quellen ausgelegt sowie historisches und zeitgenössisches wissenschaftliches Kartenmaterial gehängt. Hinzu kommen Texte, die der Historiker, teils mit René Rohrkamp, verfasst hat. »Ozarichi, März 1944« gibt somit Einblick in die wissenschaftliche Aufarbeitung eines lokal – ob in der Stadt, oder der Universität – bislang weitgehend ignorierten Kriegsverbrechens, Symptom eines blinden Flecks der Erinnerungskultur an zentraler Stelle. Dies hat zweifelsohne auch damit zu tun, dass die Universität nicht über Militärhistoriker_innen verfügt. Nicht zuletzt, um dem abzuhelfen, wurde seitens der Fakultät Kulturwissenschaften und der Hochschulleitung 2016 eine wissenschaftliche Kooperation mit dem Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS), auch als »Reemtsma-Institut« bekannt, eingeleitet.

Bleibt schließlich noch zu erwähnen, dass der Befund der Geschichtsvergessenheit und Blindheit gegenüber den Verbrechen der Infanteriedivision 110, die sich aus dem Raum Lüneburg und der Lüneburger Heide ebenso wie aus den Städten und Regionen von u.a. Hamburg, Harburg, Buchholz und Stade rekrutierte, nicht nur für die lokale, sondern für die norddeutsche Erinnerungskultur insgesamt gilt. So findet sich zwar eine ausführliche Darstellung von Deportation und Massaker von Ozarichi durch die Hamburger Welt n24 vom 11. März 2014.[20] Attribuiert wird dieses jedoch auf süddeutsche militärische Einheiten unter Ausklammerung norddeutscher Verbände.

Text: Ulf Wuggenig

[1] George Santayana, The Life of Reason (1905-1906), Vol. I, Reason in Common Sense. New York: 172.
[2] Zur Wechselwirkung der Gewaltdimensionen vgl. Johan Galtung, Frieden mit friedlichen Mitteln. Köln 1988: 348ff.
[3] Vgl. Thomas Frank, »How Steve Bannon captured America's spirit of revolt«. The Guardian, 10.2.2017, www.theguardian.com/commentisfree/2017/feb/10/steve-bannon-spirit-revolt-democrats-gave-up
[4] Laura López Paniagua, »The Archive of the Grandparents in Backstage«, Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg 2017. Das Projekt von Christian Boltanski wurde von Gastkurator Hans-Ulrich Obrist und der damaligen Leitung des Kunstraum der Universität Lüneburg, Beatrice von Bismarck, Diethelm Stoller und Ulf Wuggenig organisiert.
[5] Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt/Main 1998: 579.
[6] Pierre Bourdieu, Über das Fernsehen. Frankfurt/Main 1998: 98.
[7] Ulf Wuggenig, Cornelia Kastelan, »Salzstadt, Soldatenstadt, Universitätsstadt. Lüneburg eine Stadt im Wandel«, in: Astrid Wege, Ulf Wuggenig (Hg.), Moirés. Andreas Fogarasi, Katya Sander, Urtica. Lüneburg 2008: 103–151. Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg (Hg.): Project Daniel Libeskind. The University in the Civil Society of the 21st Century – Architectural, Artistic and Field-theoretical Aspects. Lüneburg March 2007.
[8] Zur Thymosversessenheit der neuen Rechten vgl. Marc Jongen im Interview mit Martin Helg, »Wir müssen wehrhafter werden«. NZZ AM SONNTAG, 13.3.2016, https://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/marc-jongen-im-interview-wir-muessen-wehrhafter-werden-ld.7261; Justus Bender und Reinhard Bingener, »Marc Jongen. Der Parteiphilosoph der AfD«, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.1.2016, http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/marc-jongen-ist-afd-politiker-und-philosoph-14005731.html?printPagedArticle=true#pageIndex2
[9] »Das Verlangen, anderen Menschen gegenüber als überlegen anerkannt zu werden, soll hier durch eine neue Wortschöpfung bezeichnet werden, die auf altgriechische Wurzeln zurückgeht: Megalothymia. Megalothymia kann sowohl im Tyrannen zutage treten, der ein Nachbarvolk überfällt und versklavt, damit seine Macht anerkannt wird, als auch im Konzertpianisten, der als bester Beethoven-Interpret anerkannt werden will. Das Gegenteil ist Isothymia, das Verlangen, als den Mitmenschen gleichwertig anerkannt zu werden. (...) Es ist offenkundig, dass Megalothymia im politischen Leben eine höchst problematische Leidenschaft ist. (...). Der Begriff Thymos (…) kann sich demzufolge auch als Verlangen nach Dominanz äussern. Diese dunkle Seite von Thymos war natürlich von Anfang an in Hegels Beschreibung des blutigen Krieges gegenwärtig, da das Streben nach Anerkennung den ursprünglichen Kampf auslöste und zur Dominanz des Herren über den Sklaven führte. Aus der Logik der Anerkennung folgt das Streben nach allgemeiner Anerkennung, mit anderen Worten der Imperialismus.« Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte, München 1992: 254f.
[10] Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse. Leipzig 1886 in Aphorismus 260. Eine treffende Beschreibung der megalothymischen Haltung, zu der Nietzsche selbst neigte, findet sich in seiner ebenso rassistischen wie sexistischen Abhandlung Zur Genealogie der Moral. Hamburg 1887.
[11] Vgl. die Website des Gymnasiums Johanneum Lüneburg www.johanneum.eu/seite/175126/luhmann,_niklas-_schueler_des_johanneums.html
[12] Es war dieses in die Militärgeschichte eingegangene Ereignis der Selbsteliminierung einer Staffel am Fliegerhorst Gabbert, das in der Recherche zunächst die Aufmerksamkeit auf Verbindungen zwischen KG 26 und Łódź lenkte. Vgl. Alexander Steenbeck, »The Löwengeschwader’s Big Bang«, Aviation Historian, Issue 8, 2014: 40–43 und Alexander Steenbeck, Auf den Spuren des Löwen. Neustadt 2012, Kapitel »1939«: 32ff. Zum Kriegstagebuch des KG 26 für Polen vgl. Anhang 5 in Rudi Schmidt, Torpedo Marsch, Utting 1990: 274ff. Darin ist für 3.9.1939 ein Angriff der 5. Staffel der II. Gruppe mit 9 Maschinen auf 2000 um Łódź stehende Eisenbahnwaggons vermerkt. Für 4.9. wurde zunächst ein Angriff auf den Bahnhof Łódź befohlen, am gleichen Tag jedoch noch auf eine andere Stadt gelenkt. Die vorgesehenen Bombardierungen des Flugplatzes von Łódź vom 3.9. wurden am gleichen Tag wieder abgeblasen, am 4.9. jedoch durch die I. Gruppe des »Löwengeschwaders« realisiert.
[13] Christoph Rass, ›Menschenmaterial‹: Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision 1939-1945. Paderborn / München 2003: 386.
[14] Christoph Rass u.a., Ozarichi 1944. Aachen 2006 (Dokumentarfilm).
[15] Ernst Beyersdorff, Geschichte der 110. Infanterie-Division, Bad Nauheim 1965: 159.
[16] VVN-BdA Lüneburg, Kritik des Friedenspfades der Friedensstiftung Günter Manzke – Zur Lüneburger ›Erinnerungskultur‹ im öffentlichen Raum und vom Versuch, sich die Vergangenheit zurechtzubiegen, Lüneburg 2016: 70ff und die revidierte Darstellung des Gefallenendenkmals im Anschluss an die Kritik von www.friedenspfad-lueneburg.de/index.asp?cid=29&tree_id=11
[17] »Die Hansestadt Lüneburg hat während des Auschwitz-Prozesses 2015 den Überlebenden der Shoah, den Nebenklägern zugemutet, den Prozessverhandlungsort, die Ritterakademie am Graalwall im Angesicht eines 50 Meter entfernten Veteranen-Wehrmachtsdenkmals von 1960 betreten zu lassen. Es trägt die Aufschrift ›Es sage keiner, dass unsere Gefallenen tot sind‹. Den Geist einer derartigen Aussage hat Josef Göbbels schon in seiner längeren Kolumne ›Die Vollendeten‹ vom 27.12.1942 in der Wochenzeitung ›Das Reich‹ näher dargelegt (...).« Bernadette Gottschalk, »Meine Erklärung nach Beendigung des Auschwitz-Prozesses von Detmold«. Braunschweiger Spiegel, 2016, www.braunschweig-spiegel.de/index.php/poliPk/poliPk-kultur/6896-meineerklaerung-nach-beendigung-des-auschwitz-prozesses-von-detmold
[18] Vgl. den Beitrag von Rohrkamp in der vom Karlsruher Stadtarchiv herausgegebenen Publikation zum Massaker von Ozarichi und zur lokalen Denkmalskultur. Hingewiesen wird von ihm auf die »hervorgehobene Beteiligung der Einheiten des LVI. Panzerkorps, insbesondere der rückwärtigen Einheiten der 110. und 35. Infanterie-Division«. René Rohrkamp, »Ozarichi 1944 – Die Beteiligung der 35. Infanterie-Division an einem Kriegsverbrechen gegen Zivilisten«. In: Stadt Karlsruhe, Stadtarchiv (Hg.), Der Zweite Weltkrieg – Last oder Chance der Erinnerung? Widerspruch gegen das Ehrenmal der 35. Infanterie-Division in Karlsruhe. Karlsruhe 2015: 15–28, hier 25.
[19] Landeszeitung für die Lüneburger Heide, Nr. 213, 5.5.2015, Lokales: 4.
[20] Sven Felix Kellerhoff, »Wehrmacht ließ in Lager ›nutzlose Esser‹ verenden«. Welt n24, 11.03.2014, https://www.welt.de/geschichte/zweiterweltkrieg/article125647121/Wehrmacht-liess-in-Lager-nutzlose-Esser-verenden.html