Beatrice von Bismarck, Hans-Peter Feldmann, Hans Ulrich Obrist, Diethelm Stoller, Ulf Wuggenig

INTERARCHIVE

Vorwort zur Publikation: interarchive. Archivarische Praktiken und Handlungsräume im zeitgenössischen Kunstfeld. Kunstraum der Universität Lüneburg mit Hans-Peter Feldmann und Hans Ulrich Obrist. Verlag der Buchhandlung Walther König, Lüneburg/Köln 2002.


Das Archiv - Einrichtung und Metapher gleichermaßen - hat zum Ende des 20. Jahrhundert besondere Bedeutung innerhalb kultureller Diskurse gewonnen. Zentrale gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und Fragestellungen treffen in ihm aufeinander. Der in der Vergangenheit Orientierung für die Zukunft suchende Blick an der Jahrtausendwende kann die Hoffnungen und Spekulationen, die an die Speicher- und Verarbeitungsmöglichkeiten der digitalen Medien geknüpft werden, ebenso einbinden wie die Forschung zu Kapazität und Funktionsweisen des menschlichen Gedächtnisses. Die Anknüpfungspunkte für im Kunstfeld geführte Diskussionen sind vielfältig: Der Umgang mit Kultur als nationalem Erbe, die Musealisierung der Gesellschaft, die Rolle und Aufgaben von kulturellen Archiven im Zeitalter von Ökonomisierung und Globalisierung, die Funktion von Denk- und Mahnmälern im Zusammenhang mit Erinnerungsprozessen oder die sozialen und politischen Konsequenzen, die sich aus der digitalen Bildverarbeitung ergeben, zählen zu den in dem Zusammenhang meistverhandelten Aspekten.

Die vorliegende Publikation will mit Prozesshaftigkeit, Flexibilisierung und Öffnung vor allem solche Kriterien im Umgang mit Archiven in den Vordergrund rücken, die zu deren bewusster und mitgestaltender Teilhabe an der gesellschaftlichen Gegenwart und Zukunft beitragen. Dementsprechend liegt der Schwerpunkt auf den Praktiken der Erstellung und Handhabung von Archiven, durch die Informationssammlungen unterschiedlichen Formen von bedeutungsstiftenden Prozessen und Erzählweisen unterworfen werden können. Im Vergleich zu seiner alltagssprachlichen Bedeutung ist dabei der Begriff "Archiv" in einem möglichst weiten Sinne gefasst, als ein Ort, an dem sich, um mit Derrida zu sprechen, die Zeichen versammelt finden. Museen, Bibliotheken und Sammlungen aller Art sind damit ebenso angesprochen wie explizit als Archive bezeichnete Einrichtungen.

Geht man von Archiven als von Machtverhältnissen durchzogenen Orten aus, so sind zweierlei Ansprüche die Voraussetzung für die sich in ihnen manifestierenden Hierarchien: zum einen die Hoffnung auf ein Überleben der Gegenwart durch ihre Aufzeichnung und zum anderen das Streben nach größtmöglicher Vollständigkeit. In beiden Ansätzen schlagen sich universalisierende Denkmodelle nieder. Die resultierende Bindung an die Vergangenheit, an das Gewesene, und die Statik einer solchen Vorstellung vom Archiv erklären die Sehnsucht nach ihrer Zerstörung, die sich seit der Museumskritik der Avantgarde der 20er Jahre bis heute mit unterschiedlichen Zielsetzungen immer wieder artikuliert. Ausgeschlossen bleiben in dieser Vorstellung zudem nicht nur die konstitutive Kraft des Archivierens, die ihren Gegenstand in der Aufzeichnung erst hervorbringt, sondern auch Mehrstimmigkeit und Dynamik als Kennzeichen der Prozesse der Bedeutungskonstitution. Wenn es, wie in Interarchive, darum geht, in und durch Archive installierte Herrschaftsformen aufzulösen, gewinnen solche Aspekte an Bedeutung und mit ihnen Momente des Ungeordneten, Nicht-Abgeschlossenen und Ausgelassenen.

Die Publikation Interarchive stellt die Erweiterung eines Ausstellungsprojekts dar, das der Kunstraum der Universität Lüneburg in Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Künstler Hans-Peter Feldmann und dem Kurator Hans Ulrich Obrist entwickelte. Es hatte seinen Anfang genommen mit dem Transport von über 1 000 Boxen von St. Gallen nach Lüneburg. In ihnen befanden sich Materialien zur Kunst der 90er Jahre, die Obrist im Rahmen seiner internationalen kuratorischen Tätigkeit zusammengetragen hatte und die der Universität als Leihgabe überlassen werden sollten. Neben Büchern, Katalogen, Einladungskarten und Pressetexten befanden sich darunter auch handschriftliche Korrespondenzen sowie in unterschiedlicher Weise auf diese Korrespondenz bezogene Objekte. Die Fragen nach der Nutzung, Ordnung und Zugänglichkeit des Archivs, die sich nach dessen Ankunft auf dem Campus stellten, waren Auslöser, um es fortan weniger als Forschungsquelle denn als exemplarischen Forschungsgegenstand zu behandeln. Die Materialsammlung diente als Beispiel, die Funktionen von Archiven und die in ihnen herrschenden Verhältnisse zu untersuchen und alternative Umgangsformen zu erproben.

Mit der Ausstellung "Interarchiv" knüpfte der Kunstraum der Universität 1999 in gewisser Weise an eine frühere Projektarbeit an: Für die in Zusammenarbeit mit Christian Boltanski entwickelte Recherche "Die Archive der Großeltern", an der ebenfalls Hans Ulrich Obrist beteiligt war und die 1996 präsentiert wurde, hatten die ProjektteilnehmerInnen ihre Großeltern nach deren Jugend, vor allem nach der Zeit zwischen 1933 und 1945 befragt und Material dazu zusammengetragen. Sowohl Fragen nach den in und für Materialsammlungen Verantwortlichen als auch nach der Gegenwartsbezogenheit des Archivierten erhielten in dem Zusammenhang besonderes Gewicht und flossen - als Gegenentwürfe - in die Bearbeitung des Archivs von Obrist mit ein.

Die Transformation der Ausstellung in das Buchformat bedeutete eine neuerliche Erweiterung. Sie bildet die unterschiedlichen Formen der Auseinandersetzung mit archivarischen Praktiken ab, reflektiert sie und setzt sie zugleich auch um. Wie im Titel vorgegeben, rückt Interarchive einen "Zwischen"- Raum in sein Zentrum, der an das Archiv angrenzt und ihn mit anderen Räumen verbindet: Den umgebenden Raum der örtlichen und funktionalen Voraussetzungen, die sich durch die "Annäherungen" abtasten lassen; den Raum zwischen den Informationen und zwischen ihren Trägern, den die "Perspektiven" nutzbar machen; und den Raum zwischen den Archiven und archivarischen Praktiken, der sich in den "Vernetzungen" zu einem neuen Archiv zusammensetzt.

Der erste Teil "Annäherungen" dokumentiert diejenigen Verfahren, die für die Ausstellung zum Einsatz gebracht wurden, um die konventionellen Prinzipien der Ordnung außer Kraft zusetzen. Anstatt das in den Boxen aufbewahrte Material den bibliothekarischen Ansprüchen gemäß alphabetisch nach Autor und Thema in Reihe zu bringen, anstatt also einen Zugang zu ermöglichen, der ebenso wie die Nutzung des Gesammelten allein auf das Textuelle konzentriert ist, erlangten andere Kriterien Bedeutung: Geruch, Gewicht, physischer Erhaltungszustand, optische und haptische Oberflächenbeschaffenheit, quantitative und farbharmonische Verhältnisse der in einer Box versammelten Objekte. Nicht das Aufgezeichnete selbst ist entscheidend, sondern die Verfahren der Annäherung, über den Standort, die Lagerungsform und den Träger. Aus der Annahme eines Zustands vor der Kategorisierung, eines Status des Ungeordneten, öffnet sich ein stichprobenartig ausgelotetes Potential alternativer Bedeutungszusammenhänge.

Der zweite Teil "Perspektiven" entwickelt auf theoretischer Ebene die Fragen nach Partizipation, Flexibilisierung und Prozessualität in unterschiedlichen disziplinären Bezugsrahmen weiter. Für sie besitzen die in Archiven zusammengestellten Informationen vergleichsweise geringe Bedeutung, geht es doch vor allem um die Bedingungen ihrer Sichtbarkeit: Aus künstlerischer, museologischer, architekturtheoretischer, medienarchäologischer, soziologischer, kunsthistorischer, bildwissenschaftlicher, juristischer und philosophischer Perspektive verfolgen die Beiträge das im Archiv Abwesende, Fehlende oder Verborgene. Nicht das Überleben der archivierten Informationen, sondern ihr Gegenwartsbezug wird vor der Folie einer Politik des Zeigens und Sichtbarmachens, ihrer Ziele und eingesetzten Techniken verhandelt.

Über 60 Positionen zeitgenössischer archivarischer Praxis im Kunstfeld stellt der dritte Teil "Vernetzungen" vor. Durch die - vorsätzlich subjektive - Reihenfolge, in der sie im Buch gruppiert sind, ebenso wie durch die hier angebotenen Ordnungskriterien zeichnet sich ein Netz von Bezügen zwischen den einzelnen Praktiken ab, das Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Zusammenstellung von Archiven und im Umgang mit archivierten Materialien deutlich werden lässt. Über die Aktualität archivarischer Verfahrensweisen hinaus belegt die große Zahl der vorgestellten Positionen nicht zuletzt die Vielfalt experimenteller Befragung der an die Funktion des Archivischen geknüpften Konventionen und Normen.


Quelle: http://www.uni-lueneburg.de/fb3/kunst/kunstraum/texte/iarchive.html