Buchmann Chapter 5

From Paradise

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S.R.: Ein Komplex würde mich noch interessieren. Wir haben ja schon über die theoretische Paradigmen gesprochen von der Konzeptkunst und wie die sich entwickelt haben und zum Teil in unseren Diskussionen sich entwickelt haben. Glaubst du, dass so ein Shift, eine konfrontative Auseinandersetzung mit einem Kunstfeld überhaupt noch einmal möglich ist, so stark, oder glaubst du dass sich alles so hybridisiert hat, dass man so einen Schnitt, so eine Auseinandersetzung nicht noch einmal inszenieren kann?

S.B.: Hybridisiert in dem Sinne, dass man sagen kann, die so genannten kritischen Positionen, Verfahren, Haltungen sind derartig schon aufgesogen, dass man auch gar nicht mehr so ganz genau verorten kann, wo sind Möglichkeiten, Standpunkte der Kritik, wen greift man eigentlich an, wo steht der Lieblingsfeind? Das ist mit Sicherheit ein Problem, weil ich glaube, so ein komischer Pluralismus ziemlich viel nivelliert hat. Das ist sicherlich auch ein Problem dessen, wo wir selber involviert sind, wo wir gestern in unserem Gespräch über politische Projekte der 90er Jahre gesprochen haben, dass man am Anfang relativ harsch, rigide, orthodox aufgetreten ist, um dann zu sehen: Hey Leute, so geht es nicht. Das führt nur zu falschen Polarisierungen. Auf der anderen Seite waren solche Setzungen, wie Katja Jedermann ja auch richtig bemerkt hat, notwendig, um erstmal so eine Auseinandersetzung zu provozieren. Zu sagen, wir sind nur nett und wir wollen eigentlich nur ne Offenheit, ihr sollt alles machen, provoziert natürlich auch keinen Konflikt und endet vielleicht auch in einer gegenseitigen Harmonisiererei, die ja auch nicht der Realität des Marktes entspricht. Ich würde behaupten, natürlich ist diese konfrontative Auseinandersetzung natürlich Institutionskritik, würde das überhaupt nicht aufgeben, es gibt da total viel zu tun, und auch wenn sich bestimmte Formen in eine problematische, sich dem Gegenstand der Kritik anschmiegenden Weise aufgelöst haben, muss man eben wieder neu ansetzen, neue Punkte finden, um zu sagen: vorne geht's weiter. Dafür würde ich schon plädieren und ich glaube, da gibt es jede Menge zu tun, und ich halte das überhaupt nicht für gestorben. Da hätte ich auch überhaupt gar keine Lust auf eine Art von Pessimismus, der sich auch die Arbeit der Analyse nimmt, und auch einer vielleicht etwas aufwendigeren Analyse, als die die sich ständig immer wieder am Paradigma der Kulturindustrie oder am Paradigma der Spektakelindustrie abzuarbeiten. Da scheinen die Linien irgendwie klar zu sein. Was ich jetzt beispielsweise mit Leuten wie Helmut Draxler, der sich ja auch viel mit Konzeptkunst, gerade auch viel mit Kontextkunst, Institutionskritik, oder mit Stephan Geene, der sich auch viel mit Technologiekritik im Zusammenhang mit Konzeptkunst beschäftigt hat, wir machen ein Projekt an der Jan van Eyck-Akademie in Maastricht, wo es um die Frage geht, wieweit könnte man bestimmte Avantgarde-Strömungen Ende der 60er Jahre, Anfang der 70er Jahre... weil uns interessiert die vor-revolutionäre, die revolutionäre und die post-revolutioneäre Zeit, wie sich das ineinander verschraubt, wieweit man bestimmte Avantgarde-Momente, bei aller Relativierung, die die Avantgarde damals erfahren hat, aus guten Gründen, aber in Bezug setzen zu Paradigmen dessen, was Michel Foucault als »Biopolitik» bezeichnet hat. Die Avantgarde-Theorie Peter Bürgers einfach mal umzudrehen und zu sagen, ja, kann schon sein, dass die historischen Avantgarden im Kontext der Neo- und Post-Avantgarden [...] sich institutionalisiert haben und ihre gesellschaftskritische Ausrichtung verloren haben und vielleicht die Kunst so ein bisschen verändert haben, aber an gesellschaftlichen Verhältnissen nichts. Also diese Scheiter-Theorie mal in Frage zu stellen und zu sagen, vielleicht waren die Avantgarden, damit meine ich aber nicht nur die Konzeptkunst, sehr viel erfolgreicher, als das Peter Bürger überhaupt sehen kann, in dem Sinne, wie Michel Foucault das beschrieben hat, dass diese Forderung der Überschreitung der Grenze von Kunst und Leben, die ja durchaus nicht alle Künstler/innen der Konzeptkunst geteilt haben, da gibt es ja auch sehr unterschiedliche Positionierungen, dass diese Forderung im Sinne des Lebensgebots, der Affektproduktion, der Authentizitätsproduktion passiert ist. Was ja in gewisser Weise auch ein bisschen was mit deinem Originalitäts-/Fake-Ansatz zu tun haben könnte. Es ist sehr viel komplizierter. Auch in dem Sinne. wie Foucault das beschrieben hat, war es eben kein Herr-Knecht-, Oben-unten-, Herrscher-Unterdrückter-Verhältnis, sondern diese Machtverhältnisse gehen durch unser aller Körper, unsere Emotionen, die sind überall. [...] Das heißt aber nicht, dass man sich damit nicht auseinandersetzen kann und muss, um vielleicht mal die Avantgarde in dem Licht zu betrachten und zu sagen, Biopolitik ist vielleicht das viel brisantere Problem, und dagegen ist vielleicht das Phänomen der Institutionalisierung oder der Spektakelgesellschaft, so ernst ich das nehme, aber vielleicht der kleinere Fisch. Das noch zu überbieten, aber in einem anderen Sinne und zu sagen da gibt es wahnsinnig viel zu tun. Und da sind ja auch schon ein paar Leute dran. Wir haben es ja auch nicht erfunden, das diskutieren schon andere, Pamela Lee beispielsweise in ihrem Text "Bare Lives". Da gibt es ja schon Vorstöße, und das finde ich total interessant. Und bis zur Rente geht da noch was.

S.R.: Vielen Dank. Irgendwas, was du unbedingt noch sagen willst, was dir wichtig wäre, ob das persönlich ist, bezogen auf den Film oder die Konzeptkunst?

S.B.: Was Persönliches... Nee, fällt mir jetzt nichts ein. das wird bestimmt verklemmt. (lacht)

S.R.: Okay, vielen Dank.


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