Buchmann Chapter 4

From Paradise

Jump to: navigation, search


S.R.: Vielleicht knüpfe ich noch mal da an: Du hast ja jetzt schon aufgefaltet, in welchen Fragestellungen in der Gegenwart wir eigentlich gar nicht anders können, als uns irgendwie reflexiv darauf zu beziehen, was die Konzeptkunst aufgerissen hat. Vielleicht wäre es nochmal interessant punktuell darauf einzugehen... in der Gegenwart, wo sich, außerhalb der historischen Künstler, die vielleicht ja auch teilweise ein bisschen nicht mehr so interessant sind - ich will es jetzt mal vorsichtig ausdrücken, die sind ja zum Teil auch sehr gesettelt und reproduzieren sich ja auch, aber das will ich jetzt gar nicht als Vorwurf formulieren - sondern vielleicht könnte man noch mal so ein bisschen rauskitzeln, wo diese Ansätze jetzt wieder virulent sind oder werden, in diesem Verhältnis zwischen Kunst und Gesellschaft, Kunst und Produktionsbegriff.

S.B. Also, ich muss noch mal kurz nachhaken: Wo konzeptuelle Ansätze oder [...] im Bezug auf die Produktion?

S.R.: Würde ich dir freilassen. So wie du es erklärt hast, habe ich es verstanden, dass diese Frage der Produktion ja sehr essentiell und basismäßig war und in verschiedenen politischen aber auch ästhetischen Diskursen in der Gegenwart wieder auftaucht. Also könnte man beides verfolgen.

S.B.: Das ist eine fast zu globale Frage, auf eine Weise, denn – man kann ja sagen, selbst in malerischen Ansätzen oder in sehr stark objektorientierten Ansätzen hat man das Erbe der Konzeptkunst irgendwie mit verarbeitet - also diese ganze Autor-, Rezeptions-, Distributionsdebatte, die ja auch nicht genuin nur durch die Konzeptkunst hervorgebracht wurde, aber die sie zumindest verstärkt hat oder ausdifferenziert hat, die ja durchgegangen ist durch eine Phase, die man vielleicht grob mit »Dekonstruktion» umschreiben könnte oder wo auch tatsächlich noch mal Semiotik und Semiologie stärker verhandelt worden sind, wie in den 80er Jahren im Zusammenhang mit der Appropriation Art, da kannst du ja besser drüber reden als ich, die durch diese ganzen Phasen durchgegangen sind, die einen rigiden Autor- und Objektbegriff immer und immer wieder durchbrochen haben. Denn wie die Dynamik des Kunstbetriebs und des Kunstmarktes ja zeigt, kann man das noch so sehr in Frage stellen, das sind ganz hartnäckige Kategorien, und eine Überwindung ist schon – angesichts dessen, dass du dich als Künstler/in im Markt behaupten musst, ja ein ganz schwieriges Unterfangen, und trotzdem gehen ja auch Künstler/innen auch ganz gezielt auch sehr fein, beispielsweise wie Louise Lawler, und das ist eine Konsenskünstlerin in unserem Zusammenhang, gehen dann damit auch weiterhin um. Aber es gibt auch malerische Positionen, die damit umgehen. Ich glaube, diese Vorstellung, Konzeptkunst hat was damit zu tun, drei oder vier kluge Sätze auf einen Zettel zu pinnen und das an die Wand zu hängen, oder eben solche tautologischen Modelle wie Kosuth – , die sind [...] nicht unbedingt der Diskurs des Tages, auch wenn das immer wieder auftaucht. Aber auch als Korrektiv. Man kann ja Künstler beispielsweise wie Michael Krebber sehen, der ja durchaus auch in dem Zusammenhang einer Galerie, die sich ja auch für postkonzeptuelle Strategien und Werkentwürfe stark gemacht hat, also Nagel in dem Fall, dass Michael Krebber jemand war, der wieder die Seite der Malerei gestärkt hat, aber er hat das immer in einem konzeptuellen Sinn gemacht. Und die letzte Ausstellung, die ich hier bei Nagel in Berlin gesehen habe, da hat er Zeitungen an die Wand gehängt und hat mit klassischen ästhetischen Präsentationsweisen des Konzeptualismus gearbeitet. Das heißt, die Künstler sind ja auch ständig dabei, sich wieder neu zu positionieren, zu gucken, wann wird etwas hegemonial, wann muss man sich wieder anders positionieren, wie geht man damit um, wann muss man der Malerei wieder eins auf die Schnauze geben, wann muss man wieder sich umpositionieren. Es ist ja auch ein unglaublich hoher Flexibilitätsdruck, der da ist, und der auch dafür sorgt, dass - da würde ich auch jemandem wie Roger Buergel widersprechen, der sagt, die Konzeptkunst ist tot. Da würde ich vollkommen widersprechen. Das stimmt überhaupt nicht. - Das wirkt natürlich weiter fort, aber es nimmt immer wieder andere Formen und entsteht aus anderen Strategien und Positionierungen. Das ist ja ganz klar. Aber es gibt auch ein Problem der Erstarrung von Konzeptkunst. Beispielsweise würde ich dann auch dieses Klischee beladene Wort der »diskurslastigen Ausstellung» durchaus dann auch in den Mund nehmen, obwohl man aufpassen muss, dass man dann nicht den falschen Freunden zulächelt. Wo man das Gefühl hat, da wird konzeptuelle Kunst [...] als Ausweis [...], als Garantie für eine kritische Haltung genommen. Wenn dann Sprache noch und möglichst ein kritischer Text irgendwie an der Wand hängt und irgend so ein konzeptuelles Ding da in der Gegend rumsteht, dann wird das schon für kritisch gehalten - das ist natürlich lächerlich. Das entspricht [...] ja durchaus auch einem bestimmten ästhetischen Bedürfnis und interessiert mich nicht so stark. Und dann gibt es natürlich Fortführungen wie die - ich meine ich liebe Helio Oiticica beispielsweise seine Installationen oder auch seine Quasi-Cinemas, das ist echt Kult - die viel von dem vorweggenommen haben, was in den 90er Jahren in Installationskunst passiert ist, nämlich die Semantisierung des Ausstellungsraums. Und das hat er früh gemacht und er hat den Begriff der Metapher wieder eingeführt zu einem Zeitpunkt, da war der in der Konzeptkunst mehr als out [...], und da kann man zum Beispiel auch, wie das dann Craig Owens später getan hat, eben mit Verfahren der Allegorese argumentieren und in einem sehr viel expliziteren Sinne, als dass das in anderen konzeptuellen Arbeiten der Fall war. Diese Art der Semantisierung von Ausstellungsräumen, das kann man doch heute ziemlich gut sehen, dass das [...] sehr präsent ist.

S.R.: Ich bin eigentlich sehr dankbar, dass du jetzt diese verschiedenen zeitgenössischen Strömungen noch einmal aufgefächert und aufgegriffen hast, denn es ist ja - und das hab ich auch sehr stark gesammelt und beobachtet - in den letzten Jahren in Presseerklärungen [...] zum Standard geworden, dass man als aufwertendes Element erwähnt, dass der konzeptuelle Ansatz oder die konzeptuelle Verfahrensweise, die konzeptuelle Vorgehensweise [...] auf alle Medien, auf alle Ansätze, auf alle Formen von Kunst eigentlich wie so ein Gütesiegel draufgeprägt wird, direkt schon von Anfang an, um zu sagen, hier geht es nicht nur um gute Bilder, um ausgefeilte Bildstrategien, um ikonografische Referenzen, sondern hier geht es auch um intellektuelle Zusammenhänge, um quasi von vornherein zu implizieren, »Jetzt müsst ihr auch nachdenken!» Wie siehst du dieses Siegel? Da könnte man jetzt auch diese Aussage von Buergel jetzt auch dagegensetzen, dass er auch versucht, das so ein bisschen zurückzudrehen.

S.B.: Ich kann dir da nur beipflichten. Ich finde es auch langweilig und völlig pointless und bin da auch so ein bisschen ermüdet, was solche ästhetischen Sprachen betrifft. Hab keine Lust drauf. Und weiß auch, was es bedient, aber sehe auch, dass es in einem bestimmten Segment des Kunstmarktes eine Rolle spielt, der wirklich auch so ein bisschen abgetrennt ist zu den großen Deals, die da gemacht werden. Und das sind dann wiederum eben nicht unbedingt explizit emphatisch-konzeptuelle Formen, sondern da geht es doch manchmal um einen ziemlich verblödeten Objekt- oder Malerei- oder Bildbegriff. Da muss man wieder unterscheiden, das sind aber zum Teil auch Erscheinungsformen, die nicht mal so von Belang sind. Die muss man nicht mal so angreifen, weil so eine große Rolle spielen sie dann am Ende in der Logik des großen Kunstmarktstils auch wieder nicht. Aber trotzdem machen sie auch ein bisschen was kaputt, wo man sagen müsste, man müsste dem hegemonialen Kunstmarkt auch etwas entgegensetzen mit einer Praxis, die doch ein bisschen schlauer und klüger damit umgeht und eben so eine Art von: Hauptsache der konzeptuelle, kritische Gestus draufgeknallt, der dann wie so ein Fetisch vor sich hergetragen wird [...]. Das ist einfach langweilig.



« Sabeth Buchmann »