Buchmann Chapter 1

From Paradise

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S.R.: Wie schätzt du überhaupt die Möglichkeiten ein, welche Möglichkeiten nimmst du dir, um aus einer heutigen Perspektive und Position heraus über die Konzeptkunst zu schreiben, zu sprechen, zu arbeiten?

S.B.: Aus einer heutigen Position heraus... so eine Frage impliziert: worin liegt die Aktualität, worin liegen mögliche Verbindungen zu einem eigenen kunstkritischen Schreiben oder auch zu der eigenen Lehre oder zu künstlerischen Ansätzen, für die man sich in besonderer Weise interessiert. Ich kann dazu sagen, dass das Interesse, oder ein verstärktes Interesse, zurückgeht zum Anfang der 90er Jahre. Das war in einer Phase, von der man sagen kann, dass bestimmte Strömungen wie die Kontextkunst oder eben auch Institutionskritik, die zweite bzw. dritte Generation der Institutionskritik sich zu etablieren begann. Es lag gewissermaßen in der Luft, sich mit ganz spezifischen Bezugnahmen auf die historische Konzeptkunst bzw. den historischen Konzeptualismus anzusetzen. Ich habe das damals im Rahmen der Verbindung getan, die zwischen einer Theoretisierung von Konzeptkunst auf der einen Seite und auf der anderen Seite einer stärker medientheoretischen oder technologietheoretischen Fragestellung, die so im Rahmen von poststrukturalistischer Medientheorie oder auch postmodernen Medienphilosophien zu der Zeit aufkam. Als ich damit angefangen habe, habe ich das eher in einem kritisch- rekonstruierenden Sinne vielleicht getan, zu sagen, welche Verbindungen gibt es zwischen einem emphatischen Begriff des Mediums oder einem emphatischen Begriff der Technologie in speziellen Diskussionen auf der einen Seite, und auf der anderen Seite im Bezug auf Referenzen, die zumeist in eine Phase der 60er und 70er Jahre zurückreichten, die man gemeinhin auch mit Konzeptualismus verbindet. Aus dieser Beschäftigung ist ein Ausstellungsprojekt entstanden, das ich mit zunächst dreißig, später vierzig Akteur/innen zusammen mir ausgedacht habe, organisiert habe, kuratiert habe, zunächst in der Shedhalle in Zürich, später in den Kunst-Werken Berlin, das war 1994/95. Die Ausstellung trug den Titel »When techno turns to sound of poetry«. Darin ging es, ganz grob umrissen, um die Fragestellung, welche Wechselwirkungen es zwischen spezifischen technologischen oder auch szientistischen Darstellungsweisen auf der einen Seite, und konzeptuellen Bildsprachen oder Objektsprachen auf der anderen Seite gab... Entscheidend für die Beschäftigung waren damals kritische Revisionen der historischen Conceptual art, vor allen Dingen der anglo-amerikanischen Konzeptkunst, wie sie beispielsweise durch Buchloh in seinem Text »From the Aesthetics of Administration to Institutional Critique« geleistet worden sind, auf der anderen Seite aber auch, wie ich ja schon gesagt habe, emphatische, eher unkritischere Bezugnahmen, also eher romantisierende oder auch nostalgische Bezugnahmen auf die Konzeptkunst. Wir haben versucht, aus einem Kontext heraus, in dem Technologie als kulturelles Paradigma wichtiger wurde und signifikanter wurde auch im Bezug auf die Frage, wie, aus welchen Motiven, Praktiken, bezogen auf was positioniert sich eigentlich so eine Art von Neo-Konzeptkunst? Aus der Fragestellung heraus haben wir versucht, spezifische Wechselweisen zu untersuchen und neuere Ansätze in dem Umfeld von Kontextkunst auf diese Fragestellung zu beziehen. Das ist, wie gesagt, mittlerweile fast schon zehn Jahre her. Es hat mich aber dann weiter begleitet und beschäftigt. Daraus ist dann meine Dissertation entstanden, die diese Fragestellung weiterentwickelt hat, sich exemplarische Produktionen oder Werkentwürfe des historischen Konzeptualismus einmal vorgenommen hat und versucht hat zu fragen, wieweit diese Art von Diskursen, die um neue Medien, um neue Technologien oder eben auch einen emphatischen Informationsbegriff, wieweit das in etwas hinein gewirkt hat, was innerhalb des konzeptuellen Diskurses als obsolet galt, nämlich über Produktion zu sprechen. Wie dir selber ja klar ist, ging es in der Diskursivierung vom Konzeptualismus zunächst um Kategorien wie Rezeption, Distribution oder Präsentation, aber auf merkwürdige Weise war der Produktionsbegriff – aus spezifischen historischen Gründen heraus, in Abgrenzung zu einem bestimmten emphatischen Produktionsbegriff in modernistischen Werkentwürfen – also dass diese Kategorie doch weitgehend ausgelassen war. Für mich war die Frage: warum eigentlich? Und müsste man Produktion nicht ganz anders noch einmal diskutieren, und müsste man nicht im Bezug auf den historischen Konzeptualismus auch so etwas wie eine Produktionstheorie entwerfen oder mal versuchen so eine Art Produktionsästhetik zu beschreiben, etwas, was im Minimalismus und in der Pop art noch sehr viel präsenter war und dann in der konzeptuellen Kunst auf merkwürdige Weise komplett abwesend war.

[...]

S.R.: Okay, wenn du jetzt noch mal den Faden nach dem Produktionsbegriff bei der Konzeptkunst ausführst.

S.B. Kurz und gut, [...] das Interesse, den historischen Konzeptualismus noch einmal parallel zu spezifischen Medientechnologie-Diskursen zu lesen, war für mich mit der Fragestellung verbunden: müsste man nicht dann doch noch mal die Kategorie der Produktion oder der Produktionstheorie (Produktionsästhetik) sich im historischen Konzeptualismus angucken – meiner Meinung nach eine Kategorie, die nicht ausreichend bisher – man will sich ja immer positionieren und meint ja immer, die Lücke und den blinden Flecken in der Forschung entdeckt zu haben - die noch nicht so ausreichend diskutiert worden war. Da habe ich mich so zu sagen darauf gestürzt und versucht, das in meiner Arbeit zu diesem Thema mal so ein bisschen aufzudröseln und zu fragen, was könnte das eigentlich sein?



Sabeth Buchmann »