Buchloh Chapter 5

From Paradise

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S.R.: Ich würde jetzt noch eine Sache entgegnen, und zwar glaube ich, dass ein Teil der sehr peripher wahrgenommenen Praktiken in den 90er Jahren natürlich eine sehr starke Kritik und Politisierung in diesem Bereich weit hinausgeschoben haben - mit weit hinaus meine ich tatsächlich weit hinaus aus der bekannten Institution der 90er Jahre. Jetzt entsteht natürlich genau in dem Moment ein neues Problem, dass nämlich je weiter diese Kritik hinausgeschoben wird, auch die Rezeption innerhalb der Maschinerie reduziert wird, d.h. je effektiver vielleicht der politische Ansatz ist, desto weniger stark wird es natürlich in einem künstlerischen Zusammenhang wahrgenommen, allerdings dann wiederum von jüngeren Gruppen rezipiert, aufgenommen wird und in einer smarteren Weise eingeführt.

B.B.: Ich bin nicht sicher, ob ich Sie ganz verstanden habe, und ich bin noch weniger sicher, ob ich weiß, über wen Sie sprechen, aber es klingt, als hätten sie den Finger auf eine wichtige Sache gelegt. Zum einen, wenn ich Sie richtig verstanden habe, würde ich sagen ja, auch ich habe Zweifel, dass individuelle Künstler in der Gegenwart überhaupt diesen Fragenkomplex noch gültig angehen können, d.h. die extreme Schwierigkeit, sagen wir mal die interrelationships, intersections, die Beziehungen zwischen Medienkultur, Spektakelkultur, Kunstproduktionskultur und Sammlerkultur – das als vier Komplexe, die in der Gegenwart unsere Erfahrung ganz wesentlich bestimmen – dieses Netzwerk überhaupt soziologisch, theoretisch, institutionell kritisch, medientheoretisch überhaupt noch gültig leisten zu können, verlangt ja schon eine ganz ungewöhnliche Kompetenz. Und man kann sich natürlich fragen, und ich frage mich allen Ernstes, ob ein einzelner Künstler eine solche Arbeit überhaupt noch leisten kann, oder ob nicht der einzige Weg, eine solche Analyse zu leisten, notwendigerweise zu solchen Verkürzungen und Verdichtungen führen muss, wie in der Arbeit von Andrea Fraser, die das ja nun versucht, wo man dann letztlich doch das Gefühl hat, dass die Praxis den Determinanten mehr unterlegen ist, als dass die Praxis die [...] Determinanten analytisch aufgesprengt hat. Das ist eine sehr schwierige Frage. Und das ist [...] keine Kritik, es ist eine Frage.

[...]

S.R.: Mit diesen Praktiken, die sich selbst oder ihre Ansätze aus der Institution rausgeschoben haben, meine ich natürlich ein ganzes Feld von Praktiken, die z.T. um Verlage, um Buchläden wie b_books, proqm in Berlin kreisen, wo diverse Praktiken, kollektive Praktiken unter anderem damals in der Shedhalle, auch noch am Anfang in Berlin in den Kunst-Werken, in eigen organisierten Räumen oder in gar keinen Räumen, wie hier in Köln mit der Gruppe Frischmacherinnen, die ich selbst mit initiiert habe, wo man also versucht hat, virtuelle, in der Stadt wandernde Orte zu konstruieren, wo punktuell etwas passiert, wo Theoretiker, Politiker, also aus einer aktivistischen Politik, Künstler, Journalisten zusammen kamen und man damals, Mitte der 90er Jahre, tatsächlich dann für solche Veranstaltungen 200 Leute mobilisieren konnte und auch irrsinnige Diskussionen. Die Auseinandersetzung mit den Fragestellungen, mit der Komplexität, die Sie [...] genannt haben, wurde versucht dadurch, dass man eben ein intellektuelles Referenzfeld versucht hat zu inszenieren und gar nicht mehr so sehr der Akzent auf der einzelnen Person lag, sondern tatsächlich mehr auf den Events, die man inszeniert hat. Das Problem ist bloß, die Gruppen, die danach kamen, fünf, sechs Jahre später, die haben dann nur noch so funktioniert, dass sie sich die Top-Redner wiederum eingeladen haben. Haben gesagt, wir machen jetzt irgendwas über Urbanismus und lassen jetzt mal den Ronneberger und Jochen Becker reden, die vorher eben ganz andere Praktiken hatten. Und wir waren auf einmal mit der Situation konfrontiert, dass das in den tollsten institutionellen Bedingungen stattfand und wir aber quasi nur noch die Schauspieler waren, die die Inhalte gebracht haben.

[...]

B.B.: Ich kenne die von Ihnen zitierten Praktiken leider nicht. Ich kenne vielleicht andere Gruppenpraktiken in anderen Kontexten, die mich sehr interessiert haben im Laufe der letzten Jahre, obwohl ich nicht notwendigerweise darüber geschrieben habe. Aber das ist genau die Richtung, in die ich vorhin versuchte zu verweisen. Ich glaube, es ist letztlich wichtiger, solche Praktiken zu initiieren, als unter [...] dem Zugzwang zu stehen, nun unmittelbar und unausgesetzt in den Parametern der Kunstproduktion allein zu arbeiten. Um daher noch mal darauf zurückzukommen: Ich sehe die Radikalität der Entscheidung von Andrea Fraser zum Beispiel, mit einem Sammler öffentlich zu schlafen, als eine durchaus zeitgenössische Radikalität an. Ich sehe sie aber gleichzeitig eben auch als eine Form der Selbstaufopferung unter das Gesetz des Spektakels, das eben keinen Widerstand mehr leistet, sondern genau den letzten Vollzug der rigorosen Spektakularisierung und Kommerzialisierung am eigenen Leibe wahrhaftig erfährt und natürlich damit uns in einer Weise an die real existierenden Bedingungen der totalen Verdinglichung erinnert, aber gleichzeitig eben auch völlig undialektisch behauptet, dass das die einzig möglichen Praktiken seien. In der Tat sind das die einzig möglichen Praktiken, wenn man sich nicht aus dem Kunstbetrieb zu emanzipieren versteht und wenn man glaubt, der Kunstbetrieb bestimme alle Gesten, alle Motivationen, alle Operationen. Wohingegen Beispiele wie das, was Sie gerade erwähnt haben, trotz ihrer Eigendynamik, die dem Gesetz letztlich dann auch wieder ausgeliefert sind, [...] aber trotzdem solche Aktivitäten wie die von Siekmann und Creischer zum Beispiel auch in der Gegenwart hier im Museum darauf verweisen, dass Möglichkeiten offen sind, dass andere Strategien erlaubt sind und produktiv sein können und andere Rezipienten finden, und dass man sich in der Tat auch außerhalb des Kunstzirkels, des Kunstbetriebs und der Kunstinstitutionen artikulieren kann. Und das scheint mir in der Gegenwart eine ungemein wichtige Dimension zu sein, die man nicht genug unterstützen und entwickeln kann.

S.R. Schlusswort war das? [...] Jetzt die obligatorische Frage: Wollen Sie noch irgend etwas hinzufügen?

B.B. Letztes Wort? [...] Auf Anhieb nicht.


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