Buchloh Chapter 4

From Paradise

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S.R. Wie hat sich Ihre eigene Denkweise über die Conceptual art und deren Historisierung seit 1990 verändert? Sie konstatierten dort den historischen Prozess von der frühen Ästhetik der Verwaltung zur institutionellen Kritik und meinten mit dem Letzteren, also der Kritik der Institution, vor allem Broodthaers, Buren und Haacke. Von der Institutionskritik spricht man dann eigentlich bei der neuen Generation, bei der zweiten Generation oder vielleicht sogar dritten Generation, wie gesagt Fraser, Dion, Green, Miller usw.

B.B.: Das ist erstaunlich, das wusste ich nicht, dass man das Modell der Institutionskritik der 2. Generation zuschreibt. Für mich war die Institutionskritik voll formuliert im Werk von Buren, Asher, Haacke, Broodthaers, wie Sie es gerade gesagt haben und für mich sind die Praktiken der 2., wenn das die 2. Generation ist der Künstler, die sie gerade erwähnt haben, eher Variationen, Ausdehnungen, oft wichtige Ausdehnungen, manchmal akademische Ausdehnungen, manchmal relativ willkürliche und komische Ausdehnungen, die letztlich das bereits etablierte Terrain und die bereits initiierten Strategien historisch variiert haben. Ich sehe also wenige Durchbrüche, die ich als reale Antworten auf die je spezifische historische Situation der 90er und des Endes des 20. Jahrhunderts. gesehen hätte. Von daher ist es natürlich auch interessant, dass, so sehr ich mich mit dieser Generation identifizierte und immer noch identifiziere, nämlich der ersten Generation, so sehr ich sagen würde, das ist die Kunst meiner eigenen Geschichte – das hat ja wohl jeder Künstler und jeder Kritiker und jeder Historiker irgendwann mal anzuerkennen, dass es eine gewisse Beschränkung der eigenen historischen Formation gibt, und das ist bei mir sicherlich auch der Fall – so sehr habe ich ja auch seither versucht, wie manche meiner Freunde sagen fälschlich oder fehlerhaft, andere Praktiken zu sehen, zu kritisieren und zu beschreiben. Und wie es sich herausstellt, sind diese Künstler, mit denen ich mich seither sehr ernsthaft versucht habe zu beschäftigen, eigentlich keine institutionell kritischen Künstler. Wenn sie mich fragen würden, welches sind die Künstler, mit denen Sie sich am intensivsten in der letzten Zeit beschäftigt haben, ich brauch die Namen gar nicht zu nennen, würde ich sagen, keine von den sog. 2. Generations-Künstlern der institutionellen Kritik haben mich so sehr beschäftigt wie andere Künstler, die der Institutionskritik den Rücken gewendet haben und scheinbar in relativ traditionelle Formen der Produktion übergegangen sind, sagen wir mal Raymond Pettibon, wo ich aber gerade in der Fusion von traditionellen Praktiken und sehr neuartigen historischen Registern oder Dispositiven eine angemessene Form der Gegenwartspraxis sehen kann. Man würde ihm ja nun wirklich kaum nahe legen wollen, ein institutionskritischer Künstler zu sein. Da glaube ich doch, dass man auf die Notwendigkeit des historischen Bruches verweisen muss, dass bestimmte Projekte sich vervollständigen, in zwei Generationen vielleicht, aber dann auch ihr Ende finden. Und das Ende ist nicht immanent, sondern das Ende ist von außen her diktiert, d.h. andere Anforderungen werden von außen gestellt, und die Kunst ist ja extrem reaktiv, glaube ich, von Anfang an und muss sie sich halt diesen Anforderungen aussetzen, statt zu behaupten, dass sie sie übersehen könnte oder an ihnen vorbeigehen könnte.

S.R.: Nun, meine Feststellung am Anfang, dass »man« von Institutionskritik spricht, heiß ja nicht, dass das richtig ist. Ich glaube, dass das ein vermittelter Begriff ist, der sich erst quasi epistemologisch gesetzt hat, als gewisse Diskussionen von allem durch Sie über die Institutionskritik oder den Begriff der Kritik der Institution wie er bei Bürger sich auch findet, erstmal in Zirkulation waren. Das ist ja auch das Problem, dass die Theoretiker-Avantgarde, zu der ich Sie natürlich absolut rechne, dass die Theoretiker-Avantgarde oftmals der Stichwortgeber ist für die falsche Rezeption. Und das hat sich leider in den 90er Jahren, würde ich sagen, sehr stark verfestigt, weil wir nämlich z. T. Kuratoren haben, die sich dieses Vokabulars bedienen, gleichzeitig damit aber eine korporative Form von konzeptueller Kunst fördern oder verbreiten, die genau den epistemologischen Ansätzen widersprechen.

B.B.: Ich bin sehr froh, dass Sie das gesagt haben. Ich hätte es so gut gar nicht formulieren können. Ich kann ihnen nur voll zustimmen. Das ist exakt, wie ich es sehe. Ich würde allerdings den Schreibern oder Kritikern oder Historikern nicht den Vorwurf machen, dass sie dafür verantwortlich sind. Das ist ja eine Tatsache, der man sich nicht entziehen kann, dass aus einem radikalen Konzept oder einer radikalen Praxis eine institutionalisierte oder akademisierte Unternehmung wird. Ich glaube, wie mit allen Praktiken, dass in dem Moment, in dem ein bestimmter Satz von Unternehmungen, Operationen, analytischen Prozeduren voll etabliert wird, dessen Gültigkeit ohnehin schon in Frage gestellt ist, zumal in der Kunstproduktion, vielleicht in anderen wissenschaftlichen oder philosophischen Praktiken weniger, die ja nun auch nicht so zeitabhängig sind wie die Kunstpraxis. Aber dass man aus der institutionellen Kritik weder ein Fossil noch einen Fetisch machen sollte, obwohl das geschehen ist, wissen wir inzwischen ja alle, weil natürlich die Fluidität der institutionellen Definition ungemein beschleunigt worden ist. Das, was heute Institution ist, ist ja nicht das, was 1968 Institution war. Das heißt eben von daher schon das, was wir benötigen oder dringend wünschten von radikalen Künstlern in der Gegenwart, wäre eine Arbeit, die in der Lage ist, die Komplexität der Verfilzungen oder Verschmelzungen von den verschiedenen institutionellen Sphären real anzugehen, und das fehlt mir wirklich in der 2. Generation, vielleicht mit einigen Ausnahmen, eben doch, und das scheinen mir die wirklich anstehenden Schwierigkeiten zu sein, mit denen ein Künstler sich beschäftigen könnte.



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