Buchloh Chapter 2

From Paradise

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S.R.: In Ihrem bekannten und wichtigen Text »Von der Ästhetik der Verwaltung zur Kritik der Institution« schreiben Sie einleitend, dass wer die Conceptual Art zu historisieren verlangt zuerst eine Klärung des weiten Feldes von streitenden Positionen und exklusiven Untersuchungstypen, wie Sie in diesem Zeitraum generiert wurden, benötigt. Zweitens hat eine heutige Historisierung genau die Punkte zu beantworten, die die Conceptual Art fokussierte, nämlich jenseits der kunsthistorischen Parameter der Produktion von formal sortierten, wahrnehmbaren Objekten und deshalb außerhalb der Kunstgeschichte und Kunstkritik lokalisiert werden oder waren. Drittens diese Historisierung bedeutet auch die Währung des historischen Objekts zu berücksichtigen, wie sie es nennen, das heißt die Motivation der Conceptual Art am Anfang zu entdecken, die Dialektik zwischen der Conceptual Art und ihrer rigorosen Eliminierung von Visualität und der traditionellen Definition von Repräsentation gegenüber. Und jetzt wäre meine Frage: Der Text ist Ende der 80er [...] revidierend geschrieben und Sie sprechen damals von einer gewaltigen Restauration traditioneller künstlerischer Formen und Produktionsprozeduren. Wie würden Sie diesen Fokus, den Sie spannen, nach zehn Jahren, zwölf, dreizehn Jahren später erneuern?

B.B.: Wie alle radikalen Momente von Avantgarde-Praxis hat natürlich auch die konzeptuelle Kunst ungeheuerliche historische Beschränkungen gehabt, um überhaupt sich definieren zu können, und man kann nicht retrospektiv das der Praxis selbst anlasten, dass sie z.B. in ihrer Insistenz auf Auflösung des materiellen Kunstwerkes eine gewisse naive Hoffnung artikulierte, dass sich das real vollziehen ließe. Man kann der konzeptuellen Kunst nicht retrospektiv anlasten, dass sie in ihrer Radikalität der Kritik der Institutionen übersehen hat, dass genau das Gegenteil eintreffen würde, nämlich eine zunehmende Fusion der kulturindustriellen Institutionen mit den Institutionen der Kunstproduktion, der Kunstrezeption. Das ist ja genau das historische Gegenteil dessen, was die konzeptuelle Kunst intendiert und kritisiert hat, und aus der Geschichte der 90er Jahre rückblickend oder sogar der Geschichte der 80er Jahre rückblickend kann man natürlich sagen: Alles das, was die konzeptuelle Kunst prognostiziert hat als radikale Forderung ist als Gegenteil zurückgekommen, d.h. die Eliminierung der Materialität des Kunstwerkes wurde beantwortet mit einer revanchistischen, wenn man es so politisch-emphatisch ausdrücken will, revanchistischen Erneuerung der Gültigkeit und Wertigkeit der Malerei. Das sind natürlich historische Dialektiken, mit denen man sich beschäftigen muss, die man aber nicht der konzeptuellen Praxis selbst anlasten kann, denn ihre historische Gültigkeit, d.h. die Radikalität ihrer Forderungen wird ja durch nichts verfälscht, d.h. der utopische Anspruch der ästhetischen Praxis muss nicht durch eine Verifizierung in der Realität erfüllt werden. Das wäre eine sehr naive Anforderung an das Kunstwerk. Was allerdings ansteht – und da ist natürlich eine ganz komplexe Antwort notwendig, ich weiß nicht, ob ich die auf Anhieb geben kann – ist, dass die Generation der jüngeren post-konzeptuellen Künstler in der Gegenwart alle verstanden haben, wo die Limiten und wo die Grenzen der konzeptuellen Kunst gewesen sind, dass die aber historisch aufgehoben werden müssen und nicht einfach in einer letztlich sehr beschränkten Retour-Formation oder Rückkehr-Formation auf frühere Paradigmen zu lösen sind, sondern genau die Basis der konzeptuellen Kunst aufnehmen muss, erweitern muss, um damit dann spezifische Bedingungen der Gegenwart zu adressieren; sei es die Spektakularisierung der Avantgarde-Praxis, sei es die Institutionalisierung aller künstlerischen Unternehmungen, sei es die rückhaltlose Kommerzialisierung in der Fusion von Kulturindustrie und Avantgarde-Praxis, oder sei es letztendlich, und wahrscheinlich am schwierigsten und am wichtigsten, die totale Medialisierung künstlerischer Praxis, deren sich die konzeptuelle Kunst ja wirklich sehr naiv entzogen hat. Das könnte man, wenn man Vorwürfe machen will, oder historisch retroaktive Kritik formulieren will – was ich wie gesagt für schwierig halte -, könnte man sagen, dass wie Abstraktion, so auch die konzeptuelle Kunst von einer großen Reinheit getrieben war, aber auch von einer großen Naivität und von einer großartigen Gläubigkeit an den unausweichlichen Effekt dieser Radikalität, der natürlich von der Realität total ignoriert worden ist, d.h. die Artikulation des Subjektes im Sprachakt als einzig legitimer künstlerischer Erfahrungsmoment ist natürlich das historisch extreme Gegenteil der totalen Manipulation des Subjektes im Medienapparat.



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