Buchloh Chapter 1

From Paradise

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S.R. Als Herausgeber und Autor von unter anderem »Complete Works", Michael Asher, Dan Graham, Lawrence Weiner etc. gelten sie für mich als unmittelbarer Zeitzeuge, Freund und Produzent von Geschichte im Sinne von Walter Benjamins Text "Der Autor als Produzent". Sie partizipieren an einem Großteil der New Yorker Conceptual Art und ihrer Historisierung und Theoretisierung. Können sie ihre eigene Faszination und ihre hohe theoretische Involvierung in die Conceptual Art selbst objektiviert oder gar distanziert darstellen, wie das von der Kunstgeschichte ja oft verlangt wird?

B.B.: Gute Frage, mit der ich gleich kritisch zurückkommen werde, indem ich sage: Natürlich habe ich auch mich in gleichem Maße auf Daniel Buren, Marcel Broodthaers und Hans Haacke gerichtet in meinen Interessen, die Sie gerade nicht erwähnt haben, d.h. ich habe von Anfang an – und der Anfang liegt wirklich so um 1970 in meinem Fall – die konzeptuelle Kunst als ein amerikanisches und als ein europäisches Phänomen verstanden und ich hab mich von Anfang an gegen die doktrinäre Version der Seth Siegelaub-Gruppe etwas zögernd verhalten und die komplexere Version, die dann später von einem Kritiker, Michel Cleurat z.B. in Europa inszeniert wurde, als die historisch angemessenere gesehen. Ich habe auch von Anfang an – und sehe das immer noch so – die orthodoxe Definition dessen, was konzeptuell ist, in Frage gestellt, aber ich würde sagen, dass für die Generation der 68er die so genannte konzeptuelle Kunst und ihre verschiedenen Praktiken in der Tat das historische Projekt war, mit dem ich mich als Kritiker und als Historiker und als Herausgeber und als Autor am besten habe identifizieren können und immer noch identifiziere. Ich weiß nicht, ob das eine Antwort ist in Sachen Historisierung. Wenn Sie mich darauf anfragen und eine knappe Antwort haben würden, dann würde ich sagen, in der Tat bleibt für mich das Werk der 60er, 70er Jahre dieser Künstler, die wir gerade erwähnt haben, maßgeblich im Sinne einer Avantgarde-Formation oder Neo-Avantgarde-Formation, deren Radikalität und deren Konsequenzen unübertroffen sind – in dem Sinne, wie man bestimmte paradigmatische Veränderungen in bestimmten historischen Momenten immer noch rückblickend als die zentralen Positionen definiert, und ich würde sagen, die konzeptuellen Praktiken der späten 60er Jahre stellen einen Durchbruch und eine Formulierung dar, die den Formulierungen der Abstraktion in ihrer Konsequenz durchaus vergleichbar ist. Was die Konsequenzen dieser Radikalität und der Komplexität der institutionellen Kritik angeht, muss man natürlich inzwischen einsehen, dass eine ganze Reihe von Aspekten der konzeptuellen Praxis unvorhersehbar geblieben sind, und das ist natürlich die Problematik, mit der man sich jetzt auseinandersetzen muss.


Benjamin H.D. Buchloh »